Beitrag 
Das Normale : eine Vision
Seite
273
Einzelbild herunterladen
 

Maßgebliches und Unmaßgebliches

273

in euerm Herzen, da ihr den Allgewaltigen abzubilden wagt, um ihn um Pfennige an Kinder und alte Weiber zu verkaufen. Doch wir sind Menschen, und das Höchste aller Erkenntnis ist, daß wir nichts andres sein können.

Ich wollte Einwendungen machen, aber ~ der Alte war verschwunden. Fröstelnd blieb ich stehen und schaute mich um; nichts! Er war wie in die Erde versunken.

Ein junger Mann, dein ich wohl im Wege stand, stieß mich zur Seite; ich sehe ihm nach: Schuhe mit Dolchspitzcn, ein Hut ohne Krempe tief in die Stirn gedrückt, ein knappes Röcklein, das doch noch zwei Finger breit unter dem Überrocke hervorlugt, der Gang vornübergebeugt, Riickenmarkschwindsucht „markirend," ein dreizölliger Knüppel in der Rechten, Handschuhe im aufgekrem­pelten Beinkleid — soos llomo! Ein Mensch aus dem „normalen" Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

In der Vorstadt, in der ich wohne, hemmte ein großer Auflanf meine Schritte. Wüster Lärm, Schreien nnd Johlen tönte aus den zu ebner Erde gelegenen Fenstern eines Versammlungssaales. An den Wänden prangten rote Fahnen, und über der Rednertribüne war in großen Lettern weithin sichtbar zu leseu: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und im Saale selbst tobten die Massen wie wahnsinnig gegen einander. Bierseidel flogen hinüber und herüber, und die freien, gleichen Menschen sanden nicht Stuhlbeine genug, sich die Brüderlichkeit auszulegen. Ans der „Tagesordnung" fremd: Beratung über den Normalarbeitstag.

Maßgebliches und Unmaßgebliches

^.nÄiatur ot altsi'-i. xars. Die „Kasernenstudien" im 41. Hefte dieser Blätter haben sicherlich ihre volle Berechtigung und haben deshalb auch die ver­diente Berücksichtigung gefunden. Nur scheint es nicht richtig, aus den gemachten Be­obachtungen Folgerungen auf die ganze Einrichtuug zu ziehen und diese zu verwerfen, d. h. die Unzufriedenheit einiger Leute des dritten Jahrgangs zum Anlaß zu macheu, das Gebäude der dreijährige» Dienstzeit, das sich nicht nur in den deutschen Kasernen und Heereseinrichtungen eingelebt, sondern auch in den preußischen Pro­vinzen tiefe Wurzeln im Volksleben geschlagen hat, umzustürzen. Denn das Mttntelchen, das der zweijährigen Dienstzeit in der Vorlage umgehcmgen wird, ist doch zu fadenscheinig.

Wer eiumal Gelegenheit gehabt hat, mit sitzengebliebnen Schülern oder durch- gefalleneu Examinanden zu sprechen, der wird sehr bald gemerkt haben, daß diese jungen Leute unzufrieden sind, aber auch daß sie selten die besten Bestandteile der Klassen bilden. Niemandem wird es aber einfallen, deshalb zu verlangen, daß Grenzboten IV 1892 3b