Maßgebliches und Unmaßgebliches
Herr Liebknecht in Frankreich. Unter den sozialdemokratischen Führern, die iwch nm beharrlichsten teils ans alter Neigung, teils aus parteitnktischen, agitatorischen Rücksichten daran festhalten, ihre sachlich im allgemeinen ganz ruhigen und keineswegs vaterlandsfeindlichen Gedanken mit einem Schwall revolutionärer und internationaler Phrasen zu verbrämen, steht Herr Liebknecht in erster Reihe. Kein Wunder, wenn die Philister und ihre Presse, die schon die bloßen Worte „Revolution" und „Jnterncitioncilität" in eine solche sittliche Entrüstung versetzen, daß sie gnr nicht darüber wegzukommen nnd auf den Inhalt gar nicht weiter einzugehen vermögen, in ihm nichts weiteres sehen als den bluttriefenden, roten Revolutionär!
Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, diese Art der Beurteilung der Sozialdemokratie, die an der nußern Form ihrer Anschauungen haften bleibt, ohne auf den allerdings häufig recht versteckten Inhalt einzugehen, aufs entschiedenste zu bekämpfen, denn wir sind der Überzeugung, daß nichts so gefährlich sei, nichts eine gedeihliche nnd fruchtbare Auseinandersetzung so erschwere, wie diese äußerliche Betrachtungsweise, die zum Kern der Sache gar nicht vordringt, sondern nur Phrasen mit Gegenphrasen bekämpft. Der Sozialdemokratie ihr revolutionäres Kleid, aus dem sie nach ihrer ganzen Entwicklung noch nicht recht Heranskommen kann und mag, vom Leibe zu reißen und zu zeigen, wie sich ihre Gedanken schon jetzt in einer Richtung bewegen, die von der Richtung unsrer Gedanken nicht sonderlich abweicht, das scheint uns besser nnd fruchtbarer, als ausschließlich mit einem großen Aufwand von Entrüstung die äußere Hülle jeuer Gedankeu zu bekämpfen, die in demselben Maße für die Sozialdemokratie selbst au Bedeutung abnehmen wird, wie wir uns daran gewöhnen, sie nicht ernst zu nehmen.
Wenn man von diesem Standpunkte aus das jüugste Auftreten des Herrn Liebknecht in Frankreich und namentlich in Marseille betrachtet, wenn man sich erst durch den Wust für den Geschmack französischer Gemüter noch ganz besonders zurechtgestutzter revolutionärer nnd namentlich internationaler Redensarten durchgewunden hat und bis zum Kern dessen vorgedrungen ist, ums er über die Stellung der deutscheu Sozialdemokratie zn ihrem deutschen Vaterlnnde und zur Frage der Rückgabe von Elsaß-Lothringen an Frankreich gesagt hat, so hat man keine besondre Ursache, Herrn Liebknecht für das, was er sn xloins?rkmvv zn sagen gewagt hat, zu zürnen. Im Gegenteil, man kann sagen, daß er sich um sein Baterland — so dürfen wir es ja wohl nennen, da er selbst sagt, er sei doch schließlich „ein klein wenig" Deutscher — wohl verdient gemacht habe. Wenn man nämlich alle die revolutionären und internationalen, im übrigen aber zn nichts verpflichtenden Bruderküsse abzieht, die Herr Liebknecht über den breiten Strom des zwischen Deutschland nnd Frankreich liegenden, nicht durch die Sozialdemokratie beider Länder verschuldeten Blutes den französische» Sozialdemokraten verabreicht hat, so bleibt für die Franzosen, die etwa noch gehofft haben sollten, die Sozialdemokratie im Falle eines Krieges gegen Deutschland an ihrer Seite zu finden, nichts als eine Absage übrig, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Das mit Rußland geschlossene Bündnis hat Herr Liebknecht mit der größten Schärfe gegeißelt und keiueu Zweifel darüber gelassen, daß, wenn Rußland und Grenzboteu IV 1892 1»