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Wundts Ethik
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wundts Lthik

in vielgelesenes linksliberales Blatt schrieb dieser Tage, die Religion könne schon darum nicht die Wurzel der Sittlichkeit sein, weil es der Religionen viele gebe, während die Sittlichkeit nur eine sei. Merkwürdig! Die Zeitungen dieser Richtung halten es doch für ihre Pflicht, sich jährlich wenigstens einmal über die Jesuitenmoral zu ereifern. Und sie stehen doch auf gutein Fuße mit den Darwiuianern, die da behaupten, die Moral andre sich, gleich der Haut und der Farbe, deu Freß- und Verdauuugswerkzeugeu, den Sinnesorganen und Gliedmaßeu der Tiere, im Laufe der Entwicklung beständig durch An­passung an die sich ändernde» Verhältnisse, lind den Professor Lvmbrosv, der alle Verbrechen für Wirkungen einer Gehirnkrankheit erklärt, die Moralität also, die seelische Gesundheit mit der leiblichen sür eins hält, hat die Wissen­schaft doch auch noch nicht feierlich nnd förmlich mit dem Bann belegt. Endlich gehören ja derselben Richtung auch die meisten Ethnologen an, die uns immer und immer wieder ermähnen, nur ja nicht die Sittlichkeit andrer Völker und Zeiten mit unserm Maßstabe zu messen und es etwa ein Verbrechen zu neunen, wenn der Südseeinsnlauer aus purer Gottesfurcht gebratne Kinder frißt.

Daß die Moral eine selbständige, von der Religion unabhängige Seite des Seelenlebens sei, wenn auch selbstverständlich alle Lebensänßernngen in ihrem tiefsten Grunde mit einander zusammenhängen, und daß die einfachen großen sittlichen Ideen immer nnd überall dieselben bleiben, haben wir oft genug dargelegt. Aber wir haben auch nicht versäumt, zugleich darauf hin­zuweisen, daß nils der Verbindung dieser einfachen Elemente eine nicht minder reiche Fülle verschieduer Lebensformen hervorgeht, wie ans dein Spiel der chemischen Elemente, und in wie hohem Grade die verschicduen Glaubens- meiuungen dazu beitrage», der Moralität der Einzelnen, der Völker, der Zeit­alter verschiedne Gestalt nnd Farbe zu gebe». Der Idee nach ist die Moral eine einzige, wie die Religion, die ja auch in allen ihren Gestalten und Ver­zweigungen der Hauptsache nach immer dasselbe bleibt: nämlich Glaube an göttliche Wesen, Gottesfurcht und Gvttesverehrung; aber in der Wirklichkeit stellt sich jene nicht weniger verschieden dar als diese. Den Sittengesetzen aller Kulturvölker liegen fünf von den zehn mosaischen Geboten (4 bis 8) zn Grunde.