Die Reise ins Kloster
Von Charlotte Niese (Schluß)
in Kloster wartete unser wieder eine Enttäuschung! Wir hatten natürlich angenommen, daß das „Kloster" ein Hans mit dicken Mauern und vielen kleinen Gängen sei. Nnn befanden wir uns plötzlich in einem großen, schönen Garten. Überall blühten die Rosen und andre Blumen; zwischen Rasenflächen lagen alte und neue Häuser, und das Ganze sah aus wie ein Bild des Friedens und der Behaglichkeit.
Das Haus, vor dem unser Wagen hielt, war eins der ältesten des Klosters, sodaß seine Bewohnerinnen vortrefflich hineinpaßten. Beide standen vor der Thür, als wir ausstiegen. Fräulein von Moldenwitt ziemlich mager nnd freundlich, Tante Emma ziemlich dick und sehr ernst. Mit einigen ermahnenden Worten nahmen sie uns in Empfang.
Ihr dürft bei Tante Emma nur immer „ja" sagen und sonst nichts antworten; dann hört sie am ersten auf! Mit diesem Rate hatten uns die ältern Brüder entlassen. Wir befolgten ihn andächtig und standen uns ganz gut dabei, denn da wir nur eine Autwort hatten, brauchten wir ihr ja auch nicht immer zuzuhören.
Es war ein über zweihundert Jahre altes Haus, das die beiden Damen bewohnten, und es hatte die souderbarsteu kleinen Stuben, winklige Treppen und Treppchen, einen weiten Bodenraum und einen köstlichen, halb zugewachsenen Garten, an dem ein breiter Graben vorüberfloß. Hier fingen wir gleich in der ersten Stunde nach unsrer Ankunft so viele Grashüpfer, daß wir Sophie, die Köchin, um ein Gefäß ersuchen mußten, damit wir unsre Schätze unterbringen konnten.
Sophie war ein gutes Mädchen. Gleich zu Anfang unsrer Bekanntschaft fragten wir sie natürlich nach ihrem Alter, und als sie uns lachend Aufklärung gegeben hatte, gingen wir in die beste Stnbc, wo Fränlein von Moldenwitt mit Tante Emma, Vater und eiuem Besnch saß, und erkundigten nns teilnehmend cmch hier, wie alt die Damen wären. Fräulein von Moldenwitt erschrak sichtlich, lachte aber und sagte nichts, während Tante sehr rot wnrde und einige ermahnende Worte an uns richtete, des Inhalts, daß man nach solchen Dingen nie fragen dürfe. Wir sagten „ja!" und flohen schleimigst wieder zu Sophien, die uns im ganzen freundlicher schien, als die Damen im Wohnzimmer. Sie erzählte uns auch gleich, was wir heute essen würden, und wie viel Geschwister sie habe. Zweimal verlobt war sie auch schon gewesen,