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Litteratur
der Mann braucht, nur kein Glück, hier doch nicht das gebührende Denkmal setzen. Das ist zum Glück auch nicht mehr nötig. Ein andrer, besserer, berufenerer Mann hat das gethan in einem kürzlich erschienenen Buche, das hoffentlich nicht nur in Ostfriesland Leser finden wird. In Norden ist es erschienen.
Und siehe da: endlich erscheinen auch wir in Norden, d. h. zunächst auf dem Bahnhof. Aber nach allem, was wir glücklich überstanden haben, werden wir an dieser letzten Klippe hoffentlich nicht noch scheitern. Kommen wir über den Hund, kommen wir auch über den Schwanz. Mit einem Gefühl der Erleichterung steigen wir aus, froh, daß wir nicht noch Georgsheil, und was sonst noch alles für Schrecken dahinten auf den harmlosen Reisenden lauern, über uns ergehen lassen müssen.
Und nun wir am Ziele find, nun die schrecklichen vier Stunden und einundzwanzig Minuten hinter nns liegen, da gewinnt wirklich wieder die sanftere Stimmung die Oberhand, und das Durchlebte erscheint wieder in milderm Lichte. Mag der freundliche Empfang in Norden sein Teil dazu beitragen, genug, beinahe reuen uns unsre Neckereien. Doch sei es drum! Alles was sich liebt, das neckt sich. Mutter, der Hannes will mich heiraten! — Hat er dir das gesagt? — Nein, gesagt hat er nichts, aber er hat mit der Peitsche nach mir geschlagen! — Dieses Banernmädchen war eine feine Ve- obachterin des menschlichen Herzens. Der Hannes hätte sich nicht die Mühe genommen, mit der Peitsche nach ihr zu schlagen, wenn sie ihm gleichgiltig gewesen wäre. So kannst auch du dir, lieber Leser, leicht denken, daß ich den Tag und die Tinte nicht verbraucht hätte, dies niederzuschreiben, wenn ich das Land, durch das wir mit einander so langsam gefahren sind, nicht so herzlich lieb hätte. Es ist ja leider eine Erfahrung, die wir oft genug machen, daß der Mensch mit denen, die er am liebsten hat, und die ihm am nächsten stehen, am ungeduldigsten ist. So sieht es also fast nach einer Liebeserklärung aus, daß ich beinahe ungeduldig geworden wäre. Aber ich bins ja gar nicht geworden. Und so bitte ich denn zum Schluß nur noch um ein gutes Zeuguis iu — der Geduld!
Litteratur
Das Stromgebiet der Sprache. Von Dr. Rudolf Kleinpaul. Leipzig,
W, Friedrich, 1892
Es ist schwer, diesem dritten und letzten Bande der philosophischen Darstellung Kleinpauls vom Leben der Sprache gerecht zu werden, so widerstreitende Gedanken und Gefühle erregt er. Aus den beiden ersten ist der selbständige Kopf des Verfassers und sein beredter Mund zur Genüge bekannt, nuch der Zweck und die Art seines Werkes. Die „Sprache ohne Worte" hatte sozusagen eine Sprache sürs Ange, der zweite Band „Rätsel der Sprache" behandelt, wie sie sich dem von heute zurückschauenden aufdrängen; der vorliegende dritte betrachtet das Stromgebiet der Sprache von der Quelle aus, er „versetzt den Leser mit eins an den