Bismarckisch
us der im 28. Heft der Grenzboten besprochnen Bismarckwoche ist ein Bismarckmonat geworden, und voraussichtlich werden sich die Wogen noch lange nicht beruhigen. Denn das ist keine oberflächliche Bewegung. Das Nntionalgefühl ist aufs tiefste aufgeregt, wie wir es nur nach der französischen Kriegserklärung und nach den Meuchleranschlägen gegen den ersten Kaiser des neuen Reichs erlebt haben. Gott sei'Dank, daß es sich so kräftig zeigt, aber Schmach und Gram, daß uns diese Erregung nicht erspart geblieben ist! Gegen gewisse Erscheinungen in unsern: öffentlichen Leben waren wir ja bereits abgestumpft. Daß sich jeder hergelaufne Zeitungsjunge in einem der vielen Blätter, die sich nach dem Muster der alten Didaskalia „Blätter für Börse, Theaterklatsch und Publizität" nennen könnten, erfrechen durfte, eiuem Bisnmrck Vorlesungen über Staatskunst und Patriotismus zu halten, machte keinen Eindruck mehr. Und wenn Herr Eugen Richter plötzlich den Regierungsassessor in sich wieder- erwachen fühlte, daß er, seine gesamte Thätigkeit seit der Nichtbestätiguug seiner Wahl zum Bürgermeister vergessend, sich an die Brust des sonst maßlos verachteten Herrn Pindter warf, um vereint mit ihm über Untergrabung der staatlichen Autorität zu jammern, so vollendet das nur das Charakterbild dieses „Volksmannes." Wir haben es immer sür einen Fehler gehalten, daß man ihn nicht zum Polizeimeister in irgend einem Kuhschnappel gemacht hat. Aber wie hat sich die der Negierung nahestehende Presse benommen! War es wirklich notwendig, das populäre Vorurteil gegen alle Offiziösen so nachdrücklich zu rechtfertigen? Welchen Kredit kann die offiziöse Presse noch beanspruche«, weuu Menschen, die noch vor zwei Jahren vor jedem Wimper- zuckeu Vismarcks in Demut crstarbeu, solche Angriffe auf ihn — wohl nicht verfassen, aber doch mit ihrem Namen decken?
Grenzbolcn III 1892 37