Beitrag 
Das ärztliches Studium der Frauen :
(Schluß)
Seite
258
Einzelbild herunterladen
 

258

Bischof Walter

hinter sich hat wie der Arzt, wird auch gleiche Wertschätzung mit ihm bean­spruchen können, wenn auch der Kreis ihrer Wirksamkeit beschränkter sein wird. Wer also für die Frauen die Berechtigung zum medizinischen Studium fordert, muß ihnen auch zutrauen und zumuten, daß sie denselben Lehrgang wie der Arzt durchmacheu.

Übrigens sollte, scheint mir, den Studentinnen freistehen, nach Wunsch das gauze Gebiet der Heilkunde zu erfasfen oder sich auf dieses oder jenes Svnderfach vorzubereiten und dementsprechend eine umfassende oder auch be­schränktere Prüfung zu bestehen. Ich möchte z. B. der Meinung sein, daß nur ein bescheidner Teil der künftigen Ärztinnen sich der operativen Chirurgie zu­wenden werde, soweit sie nicht etwa bei Frauenkrankheiten erforderlich ist, daß sie sich überhaupt so gut wie ausschließlich der Heilung von Frauen und Kindern oder auch der Geburtshilfe widmeu werden. Welche Anforderungen der Staat überhaupt stellen soll, um einer Frau den Zutritt zum ärztlichen Berufe zu gewähre», darüber zu entscheiden ist Sache der wissenschaftlichen Autoritäten; jedenfalls scheint es mir, daß die Anforderungen vielleicht weniger weitgreifend, aber keineswegs weniger tiefgehend sein dürfen. Man wird die Anfordernngen um so höher stelleu dürfen, als überhaupt nur auserwühlte Kräfte sich dem Studium zuwenden werden. Das medizinische Studium fordert, abgesehn von der zeitraubenden Vorbereitung, eine Freiheit des Geistes, eine Kraft des Willens, eine Beherrschung weiblicher Schwachheiten, die nur einer kleinen Zahl von Auserwählten gegeben sein werden. Ich glaube, daß sich der Fraueuverein Reform irrt, wenn er einen großen Zudrang der Frauen zn dem ärztlichen Beruf erwartet, sobald die Möglichkeit dazu geboten ist. Aber es ist an der Zeit, daß Deutschland, dem Vorgänge andrer Nationen folgend, dem Frcmenstudium der Heilkunde eine Stätte bereite. Schon vor zwanzig Jahren habe ich geschrieben:Jede größere Stadt wird eines Tages ihre Ärztin haben." Hoffentlich hat Deutschland nicht noch weitere zwanzig Jahre auf die Erfüllung dieses Wortes zu warten.

Bischof Walter

sich die Wirklichkeit nicht nach unsern Begriffen von den Dingen richtet, und daß insbesondre der wirkliche Staat uud die wirkliche Kirche immer bedeutend anders aussehen als unsre Ideen von Staat und Kirche, wissen wir wohl schon längst; allein wenn man ein so sonderbares Gebilde zu Gesicht bekommt, wie die unter russischer Herrschaft lebenden evangelisch-lutherischen Adelsrepubliken