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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Litteratur

Reisebrief aus Brasilien von M. Anderssein den wir dieser Tage in einer Zeitnng fanden, schließt mit dem Satze:Die Brasilianer sind ein sanguinisches, lebens­frohes Volk; noch ist ihre Kultur nicht so hoch entwickelt, daß sich in ihrem Ge­folge das soziale Elend als drohendes Gespenst im Hintergrunde zeigen könnte." Wir danken für eine Kultur, die das soziale Elend zur Voraussetzung hat! Alle Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens in unserm Baterlande bestätigen die Dia­gnose, die wir in den Grenzbvten wiederholt aufgestellt haben, und insbesondre auch unsre Ansicht über die Bedeutung der Handelsbilanz. (Siehe das erste Viertel­jahr dieses Jahrgangs, Seite 249.)

Zur Bevölkerungsfrage. Vor fünfundzwanzig Fahren wurde Julius vou Kirchmann seines Amtes als Vizepräsident des Appellationsgerichts zu Ratibor ent­setzt, weil er in öffentlicher Versammlung den Arbeitern den Rat gegeben hatte, nicht mehr Kinder zu erzeugen, als sie zu ernähren vermöchten. Was Kirchmann damals als Rat aussprach, hat jüngst ein Wiener Staatsanwalt in einer Gerichts­sitzung für Pflicht erklärt. Ein Gemeindediener wurde nm 21. Mai wegen Ver­untreuung von neunhundert Gulden zu fünfzehn Monaten schweren Kerkers verurteilt. In der Verhandlung kam es nach dem Bericht desJllustrirten Wiener Extra­blattes" zu folgendem merkwürdigen Dialog:

,, Staatsanwalt: Sie berufen sich auf Ihre Notlage; wie lauge sind Sie verheiratet?

Angeklagter: Seit zwanzig Jahren. Ich hatte elf Kinder, drei sind mir gestorben.

Staatsanwalt: Elf Kinder? Das ist ein Luxus! (Heiterkeit im Publikum.)

Staatsauwalt: Die Sache ist nicht von der heitern Seite aufzufassen; ich meine es sehr ernst. Jeder Mensch hat die Pflicht, sich nur solche Lasten anfzn- erlegen, denen er gewachsen ist."

Juristen wie Staatsmänner werden sich der gründlichen Erörterung dieser heikeln Frage kaum noch lange entziehen können.

Litteratur

Die Ehre und ihre Vcrletzbarkeit. Von Dr. KarlBinding, ord. Professor der Rechte zu Leipzig. Leipzig, Duncker und Humblot

Die Grenzboten haben Bindmgs Nektorntsrede bereits im 34. nnd 51. Heft des Jahrganges 1891 ausführlich besprochen. Sie ist soeben auf vielfaches An­drängen im Druck erschienen. Wir danken dem Verfasser dafür nnd sind sicher, daß seine mit aufrechtem Ehrgefühl, warmem Herzen nnd klarem Kopf geschriebncn Warnungen vor manchen Verirrungen des Ehrbegriffs, in der Sitte und in der Rechtsprechung der Gerichte, nicht nngehört verhallen werden.

Für die Redaktion verantwortlich: Johannes Grunow in Leipzig Verlag von Fr, Wilh, Grunow in Leipzig Druck von Carl Marquart in Leipzig