Der Untergang der alten Welt
eigentlich wird wohl die Frage aufgeworfen, ob unsre europäische Kultur uicht einmal ein ahnliches Schicksal haben könne wie die antike Welt, ob sie nicht ebenso wie diese untergehen werde. Macaulay stellt sich einen gebildeten Reisenden aus Nen-Seeland vor, der von einem gebrvchnen Bogen der Londonbrücke aus die riesigen Trümmer der Paulskirche aus dein endlosen Nuineu- felde aufsteigen sieht, das einst London war, und Oskar Peschel sieht die Zeit kommen, wo Europa seinen Vorrang an Amerika werde abtreten müssen, wie einst die Mittelmeerländer hinter den ozeanischen Küsten zurückgetreten seien. Nun, die antike Welt, d. h. die einheitliche Kultur des Völkerkreises rings nur das Mittelmeer, ist untergegangen, und als sie aufblühte, da waren die semitischen Kulturreiche Mesopotamiens schon gefallen und ihre Hauptstädte Niuive und Babylon in ungestnlte Trümmerhaufen verwandelt. Aber in allen diesen Fällen haben kriegerische Erschütterungen und gewaltsame Zerstörungen durch fremde Völker die Entscheidung gegeben. Vor solchen Gefahreu scheint doch Europa geschützt zu sein; denn die Vorstellung, die europäischen Völker und ihre Kultur könnten etwa von einer mongolischen Völkerflut verschlungen werden, wie die antike Welt von der germanischen, slawischen und arabischen, ist kaum ernst zn nehmen, und wenn wirklich diese äußern Gefahren den antiken Völkern hauptsächlich oder gar ausschließlich deu Untergang gebracht haben, dann dürfen wir mit guter Zuversicht in die Zukunft sehen. Ist dem aber wirklich so? Haben wirklich die „Barbaren" das römische Reich zerstört, wenn auch, wie man ja allgemein zugiebt, mit der nicht gewollten Unterstützung des Christentums von innen heraus? Oder ist nicht der Untergang der antiken Gesittung ebensosehr oder gar in erster Linie durch Gründe, Grenzboten tl 1892 67