Maßgebliches und Unmaßgebliches 521
deswegen, weil er die Zwecke der allgemeinen Erziehung ganz wesentlich fördert. Wollte ich dies im einzelnen darlegen, so müßte ich einen guten Teil der Litteratur über den Arbeitsunterricht ausschreiben. Da das nicht geschehen kann, so will ich nur andeuten und nicht auf Einzelheiten eingehen.
(Schluß folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Politische Bildung. Erfreulicherweise hat wieder einmal ein hochachtbarer Gelehrter und (was ja nicht selbstverständlich ist) fein gebildeter Mann gegen die Verhätschelung der Naturwissenschaften und ihrer Methode Front gemacht, und zwar diesmal bei feierlicher Veranlassung in öffentlicher Rede' der Wiener Pan- dektist Ad. Exner in seiner am 22. Oktober 1891 bei Übernahme des Rektorats gehaltnen, seither auch unter dem Titel „Über politische Bildung" in Drnck (Wien, 1891) gegebnen Ansprache. Darin werden in überlegner, köstlicher Weise die bekannten Versuche verspottet, auch Geschichte, Staats- und Gesellschaftswissenschaft, Zivilrecht, Strafrecht, Linguistik u. s. w. auf die eine oder andre Manier, in Tendenz oder Methode ins Empirische und Naturwissenschaftliche überzuleiten und sogar ihre Terminologie der des Anatomen oder etwa auch des Nahrungschemikers anzupassen. Nicht minder werden der einseitig naturwissenschaftliche Drang der bildungseifrigcn Mittelklassen, die Frauen eingeschlossen, und sonstige Pendelschwingungen dieses „Zopfs des neunzehnten Jahrhunderts" mit wenig Verblümtheit abgekanzelt. Auf eine besondre Kritik des Anspruchs der Empirie, allein auf wissenschaftlicher nnd geistiger Gipfelhöhe zu stehen — während sie doch als eine mehr mechanische Fertigkeit zwar ziemlich sicher arbeitet, aber gerade auch darum niedriger steht —, und ans eine noch deutlichere Ausprägung seines Satzes, „daß es jenseits dessen, was man schneidet, mißt nud wägt, eine Welt von wirklichen Größen giebt, die zu ergründen und zu beherrschen eine ebenso (nnr ebenso?) würdige und wichtige Aufgabe menschlicher Kraft ist, als die Erforschung der Natur," haben den Redner vielleicht nur Rücksichten des Ortes nnd der Umstände verzichten lassen. Sehr treffend bemerkt er: die Erfindung des Buchstabens und des Wagens waren größere Thaten, als die des Telegraphen nnd des Dampfwagens in unserm sich überhebenden Jahrhundert.
Anstatt des „naturwissenschaftlichen Chauvinismus" unsrer Tage fordert Exner eine wirklichere, d. h. tiefere und harmonischere Bildung, die besonders in der Befähigung für politisches Verständnis sehr viel nachzuholen hat. Herrliche Ketzereien äußert er in diesem Punkte, die leider — einwandfrei sind. Immerhin findet er einen gewissen Fortschritt darin seit den Tagen der Paulskirche (bei seinen Herren Uni- versitälskollegen auch?). Das zwanzigste Jahrhundert, das so gewaltige politische und soziale Probleme zu klären und lösen haben wird, muß eiu Zeitälter Politischer Bildung sein. Deshalb wird vor allem die Hochschule wieder mehr als jetzt eine HiüvMsitÄK littsrm'um, werden müssen. Der Sinn nach allgemeiner Geistesbildung, der eiust neben dem Brotstudium sich auf metaphysische Probleme zu werfe» Kraft und Zeit fand, muß wieder erweckt und vor allem auf die Fächer gelenkt werden, Grcnzboten II 1892 66