Don unsern guten Freunden, den Schweizern
vr wenigen Monaten setzte der Herausgeber der Genfer lZidliv- tluzanö Universell«? die Welt mit der Entdeckung in Erstannen, daß Europa mir einen einzigen kranken Fleck besitze, dessen Heilung die Zeit des ewigen Friedens heraufführen würde: Elsaß- Lothringen. Deutschland gebe die im Kriege gewonnenen — Herr Tallichet ist zn höflich, zu sagen geraubten, im Tone seines Artikels liegt aber dieses Wort, man hört es durch — also die gewonnenen Lande heraus, die deutsch nnr durch die Thatsache eines Kriegs, französisch im Herzen und in der Hoffnung sind, und es wird sich alles, alles wenden. Heute bringt uns das verständigste Blatt des Wciadtlaudes und des bildungsberühmten Lausanne in einem Artikel aus der Feder des philosophischen und soziologischen Politikers Charles Secretan denselben Gedanken. In kleiner Münze prägt die O-^ettg «ilo k^usanns wie ausnahmslos alle Blätter des radikalen Kantons und überhaupt fast alle der französischen Schweiz die Gehässigkeit gegen Deutschland gewohnheitsmäßig aus; nnr das bedeutendste von ihnen, das ^onriml cls 6<zvc!ve, behandelt uns mit Achtung, dann und wann sogar mit Sympathie, ohne dabei von Anwandlungen von Voreingenommenheit ganz frei zu sein. Der Artikel vom 10. Mai, den wir im Auge haben, ist jedoch eine beachtenswertere Leistung. Wenn er auch nicht von der Pariser Presse als Ausdruck der Ansicht von Leuten verbreitet wurde, die „naturgemäß unparteiisch zwischen Frankreich und Deutschland stehen," könnte er uns doch interessiren als treue Spiegelung der Auffassung deutscher Verhältnisse bei der großen Mehrheit der Gebildeten in dem bekanntlich gar nicht unwichtigen französischen Winkel der Schweiz. Wir meinen aber, daß noch mehr in dem Artikel und seinesgleichen liege, und daß er Lehren berge, gegen die wir uns uicht deshalb verschließen sollten, weil sie vielleicht etwas bitter sind.
Grenzboten II 1892 61