Die Zukunft der Kirchen
Geschichtsphilosophische Gedanken ^7
icht prophezeien wollen wir, sondern nur vor falschen Propheten warnen. Was wir sagen wollten, hat vor kurzem eigentlich schon ein andrer Mitarbeiter der Grenzboten gesagt (zweites Vierteljahr, S. 6): „Es ist eine merkwürdige Illusion, neue Religionen gründen zu wollen. Man hat nicht einmal einen neuen Kuuststil fertig gebracht." Wir wagen die Vermutung, daß weder nene Religionen noch neue Kunststile mehr möglich sind, weil die Reihe der möglichen erschöpft sein dürfte. Was kann man alles malen? Landschaften, Tiere, Menschen, Gruppen von Menschen, Menschen und Menschengruppen in Landschaften oder von Gebäuden umgeben, Gebäude allein, Fabelwesen. Was für Menschen kaun man malen? Götter und Heroen, das heißt schöne Menschen in griechischer Gewandung oder ohne alles Gewand, geschichtliche Personen, in irgend einer wichtigen Handlung begriffen oder in einem feierlichen Augenblick aufgefaßt, Kriegsheere in der Schlacht, Menschen verschiedner Stämme und Nassen in ihrer Nationaltracht, Personen und Gruppen ans der Gesellschaft oder aus dem Volke, spielende Kinder. Wie kann man sie darstellen? Schöucr oder häßlicher, als sie iu Wirklichkeit sind, oder gerade so schön und so häßlich, wie sie sind; ferner kann man Wirkung erzielen wollen entweder durch die auf dem Ebenmaß und der gefälligen Rundung der Linien beruhende akademische Schönheit, oder durch den die Seelenstimmung verratenden Gesichtsausdruck, oder durch das Charakteristische, oder durch die Komik der Situation, oder durch Erregung wollüstiger Gedanken und Begierden, oder durch Erregung von Schauder oder Ekel. Endlich kann man durch verschiedne Beleuchtungsarten, durch einen eigentümlichem Farbenton, durch dünner oder dicker aufgetrague Farben mancherlei Wirkungen hervorbringen. Nachdem das aber alles gemalt worden ist, wird kaum noch ein neuer Gegeustand oder eine neue Auffassungs- oder Darstellungs-oder Behaudlungsweise gefunden werden können, worauf sich ein neuer Stil gründen ließe. Die in der Plastik möglichen Stilarten sind eigentlich schon von den Alten erschöpft worden, und auch in der Architektur wird sich eine noch nicht dagewesene Kombination von geraden und