Unser Standpunkt in den sozialen Kämpfen der Gegenwart
iemlich uahe stehen wir den Männern des Evangelisch-sozialen Kongresses. Wie sie, wissen wir, dnß die Sozialdemokratie nicht ein Gemisch von Verrücktheit und Niedertracht, sondern ein notwendiges Erzeugnis wirtschaftlicher Zustände und weltbeherrschender geistiger Strömungen ist. Das meiste von dem, was auf dem letzten .Kongreß am 20. und 21. April gesprochen worden ist, finden wir vortrefflich und heilsam. So z. B. den Vortrag Nanmcmns, des Vereinsgeistlichen für innere Mission in Frankfurt n. M, über die Ehe. Es wird Zeit, einmal an solcher Stelle darauf hinzuweisen, daß in der Theologie die wirtschaftlichen Grundlagen der Ehe entweder unberücksichtigt bleiben oder einfach vorausgesetzt werden, daß sie aber thatsächlich weithin nicht mehr vorhanden sind; Naumann sagt, es sei Aufgabe der Gegenwart, zu prüfen, inwieweit wirtschaftliche Forderungen Sache des Glaubens und der religiösen Pflicht seien. Er Hütte sich noch stärker ausdrücken uud zweierlei hervorheben können. Erstens, daß es bei den untern Schichten des Proletariats ganz gleichgiltig ist, ob die Leute in der Ehe oder im Koulubinat leben, weil eine alles wirtschaftlichen, gemütlichen und sittlichen Inhalts entbehrende Verbindung von Mann und Weib eben weiter gar nichts andres ist als ein Konkubinat, woran weder die Eintragung ins Standesamtsregister noch die kirchliche Zeremonie etwas ändern kann. Auch zivilrcchtlich hat die Proletarierehe keine Bedeutung mehr, wo die Frau ihren Lebensnnterhalt selbst erwirbt, Staat und Gemeinde für die Kinder und für die Alten sorgen und die Eltern kein Erbteil hinterlassen. Zweitens, daß die sozialdemokratische Auffassung der Ehe weiter nichts ist, als die Anerkennung dieses Zustandes, der schon vor der Sozialdemokratie da war, und aus dem sie eben hervorgegangen ist. Nau- Grenzboten II 1892 37