Neues von Marie Ebner-Eschenbach
uch Dichter haben ihre Jahrgänge, so gut wie die Reben, nicht alle Bücher geraten gleich gut, nnd man darf deshalb in seinem Vertrauen auf eine Dichterkraft nicht gleich wankend werden. Die zwei letzten Erzählungen von Marie von Ebuer-Eschen- bach: der Romau „Unsühnbar" nnd die Novelle „Margarete" (Stuttgart, Cotta, 189t) wurdeu auch von ihren wärmsten Verehrern kühl aufgenommen. Um so mehr darf man sich an der neuesten Dvppelgabe freuen, mit der sie uns soeben beschenkt, an den Parabeln, Märchen und Gedichten und den Drei Novellen (beide im Verlage der Gebrüder Paetel in Berlin). In den kleinern Formen ist die Dichterin viel mehr zu Hause als in den größern des Romans; je mehr sie sich dein Epigramm nähert, um so vollkommner wird ihre Leistung. Das Parabelbuch ist ohne Zweifel das eigentümlichste Werk der Ebner; von ihm kann man wohl jetzt schon sage», das; es den Wandel der Zeiten überdauern wird.
Wer die Ebner kennt, weiß, daß ihre Dichtung von einem starken ethische» Pathos erfüllt ist. Den meisten Rnhin hat sie sich allerdings durch ihre fein humoristische und pvrträttreue Schilderung des österreichischen Adels erworben. Aber dieser Realismus ist nicht das eigentlich charakteristische Merkmal ihrer Muse, wenn er auch dem Geiste der Zeit entgegenkam, zwischen der großen Menge und der Dichterin die Brücke schlug lind sie popnlär machte. Dort wo sie ganz eigenartig blieb, ist sie schon viel weniger verstanden worden. Die Seele der Ebner zeichnet das Streben nach Erfassung und Darstellung einer großen sittlichen Weltanschauung aus; warm wird sie erst dann, wenn rein ethische Fragen ins Spiel kommen. Wie sie selbst zeitlebens nach einer Anschauung gestrebt hat, die gleich weit entfernt ist von der unfruchtbaren Verzweiflung des Pessimismus, wie von der Haltlosigkeit eines erfahruugsarmeu Optimismus, so will sie auch die Frucht ihrer tiefen geistigen Erlebnisse im dichterischen Bilde festhalten. Sie will zeigen, wie eigentlich das menschliche Leben zu begreifen sei; denn, sagt ihr jüngster Held der Selbstbeherrschung und Entsagung, Richard Oversberg: „das Leben ist eine Aufgabe," und keine leichte, fügen sämtliche Schriften der Ebner nachdrücklich hinzu.
Dieses ethische Pathos ist allen Schriften der Ebner gemein. Doch nicht