Ein Leitartikel
er Redakteur des „Morgensterns" kam sehr übelgelaunt in seinem Büreciu an. Manchen andern würde es schon verdrossen haben, an einem schönen Junimorgen vom Landaufenthalte weg in die heiße, dunstige Stadt uud in ein Zimmer zu müssen, wo sich Staub, Dunst von vergilbten Papieren und Tabaksdampf von gestern mit den mancherlei Gerüchen aus der Druckerei zu einer kaum atembaren Atmosphäre zu verdichte» pflegten. Aber solche Schwäche kannte er nicht. Er wußte, was er der Menschheit im allgemeinen und zumal den Lesern seiner Zeitung schuldig war; denn die Tausende, die gewohnt waren, tagtäglich aus dem „Morgenstern" zu erfahren, wie die Welt läuft, und wie sie über den Weltlauf zu denken haben, wären rat- und hilflos gewesen, wenn er auch nur einen Tag hätte feiern wollen. Diese Mission war ihm einmal vom Schicksal auferlegt worden, und er war entschlossen, ihr sein ganzes Leben zu opfern. Aber was ihm an diesem Morgen begegnet war, konnte auch einen Stoiker aus dem Gleichgewicht bringen.
Im Eisenbahnwagen hatte er zwei Herren vorgefunden, in denen sein geübtes Auge sofort Gutsbesitzer erkauute. Einer las eine Zeitung, und zwar den „Mvrgenstern." Wer wollte es unserm Freuude verargen, daß er bei diesem Anblick eine gelinde Genugthuung empfand uud sich in Gedanken ausmalte, wie freudig überrascht die Herren sein würden, falls der Zufall sein Jnkognitv aufheben sollte. Doch währte diese Vorstellung nicht lange. Der Leser ließ das Blatt mit den Worten zu Boden fallen: Das Ding wird täglich dümmer und langweiliger! Worauf der andre erwiderte: Das ist dir ganz recht, wozu abonnirst du auf solches Zeug! — Dumm und Zeug — das war beleidigend, ließ sich aber immer noch ertragen; aber langweilig — das war empörend, das hatte sich noch niemand unterfangen zu behaupten! Sollte er sich zu erkennen geben? Den beiden klarmachen, daß sie einer solchen Geistesnahrung gar nicht wert waren? Doch wozu Worte verschwenden. An diesen Menschen war ja offenbar Hopfen und Malz verloren. Nur die Trauer blieb übrig, im neunzehnten Jahrhundert noch solchem Mangel nn Kultur begegnen zu müssen. Er überließ sie ihrer Barbarei.
Auf der nächsten Station stieg ein robuster, gleich jenen beiden sonnge-