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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Das mittelalterliche Riga. W. Neumann in Dünalmrg hat seiner ver­dienstlichen Übersicht der Kunstgeschichte in den deutschrussischen Ostseeprovinzen ein von der Gesellschaft für Geschichte uud Altertumskunde der Ostsecprovinzen heraus­gegebenes reich illnstrirtes Werk über das mittelalterliche Riga folgen lassen. (Berlin, Springer.) Es reicht vou der Gründung der Stadt im Jahre 1201 bis zur Vollendung des Domtnrmes 1595. Die Bnugeschichte einer Stadt ist natürlich unlösbar verwebt niit ihrer politischen und sozialen, uud so eutrollt sich auch hier ein Bild deutscher Kulturarbeit, das stolze Erinnerungen weckt und zugleich un­tröstliche Betrachtungen anregt. Wie Thorn, Prag, Krakau und andre alte Städte, sagt uns Riga, das; der Ausdrucksteigende slawische Flut", deu uusre östlichen Nachbaru bei aller soustigcu Uneinigkeit einmütig uns gegenüber im Muude führen, zutreffender ist, als sie vielleicht selbst erkenueu. Das Meer läßt uns zur Zeit der Ebbe wohl Spuren seiner unermüdlichen Thätigkeit sehen: bald Trümmer eines Dammes, der deu Wellen Halt gebieten sollte; bald unterwaschenes, aller frucht­baren Krume entkleidetes Gestein, auf dem nnr noch Schmarotzergcwn'chse fortkomme» ; bald Wurzelstöcke, die letzten Zeugen eines Waldes, den die Flut zerstört, ver­schwemmt, im Sande begraben hat. So nagt, frißt, wühlt die slawische Flnt an allem, was ihr von deutschem Wirken und Schaffen erreichbar ist, uud was auf den so bereiteten Stätten wuchert, das nützt nicht und erfrent niemand. Den Stempel deutscher Herkunft trägt alleS, was dieses Werk uns veranschaulicht, und wem der Augenschein nicht genügt, dem liefern Dokumente den Beweis. Bischof Albert von Bremen hat 1201 den Grund zu der ersteu Dvmkirchc nnd zur ersten Ringmauer gelegt, um Christentum uud Deutschtum gegen die heidnischen Liven zn schützen und zu befestigen. Schwertbrüder uud Deutschordensritter auf der einen Seite, gewcrbfleißige Ansiedler aus Holstein u. s. w. auf der andern führten die Kolonisation durch, und die noch vorhandnen Bauwerke verraten im Stil deutlich den Einfluß beider. Die vou Marieuburg her allgemein bekannte kühne, an die Palmenhaine mahnende Gewölbe- nnd Pfeilerkonstrultiou, die vereinzelt auch in Krakau vorkommt, charalterisirt den Ordensbanstil, die Backsteinfassade mit Wechselziegeln uud profilirtcu seukrechteu Rippen, später die holländischen Renaissance­giebel, beweisen, was auch durch Namen und Daten belegt ist, daß vom Mittel­punkte der Hause aus, vou Lübeck, Rostock u. s. w. der ferne Osten mit Künstler» und Werklcuten versorgt worden ist. Vieles von dem wird uns freilich nur dnrch alte Pläne uud Abbildungen veranschaulicht, audres ist durch notwendige oder über­flüssige Umbauten mehr oder weniger entstellt worden; so z. B. der Tnrm der Peterskirche, der im vorigen Jahrhundert vier durch offene Bogenstellnngcn ge­lrennte Walmdächer übereiucmdcr erhalten hat.Kühn und luftig" muß man ihn mit dem Versasser allerdings nennen, aber er bleibt, zumal auf eiuer gotischen Kirche doch ein recht unglückliches Machwerk. Gut erhalte» ist glücklicherweise das Innere der Ordensburg und die Häuser der Großen oder Kaufmannsgilde und der geselligen Vereinignug der Schwarzhäupter, die ihren Namen von ihrem Wappen, einem Mohrenkopfe, führen soll und, wie wir aus Neumanns früherer Arbeit wissen, einen Schatz alter Goldschmiedearbeiten besitzt.

Durch Neumanns Werk ist abermals eine Lücke in der deutschen Kunstgeschichte in dankenswerter Weise ausgefüllt worden.