Beitrag 
Zur Geschichte des deutschen Briefstils
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aus der vorhergehenden durch Widerspruch entwickelt habe. Auch der Brief der Sturm- und Drcmgperiode ist auf diese Reaktion gegen den Gellertschen Briefstil zurückzuführen.

Aber wie aus dieser wilden Gährung der Geister unsre klassische Litte­ratur entstanden ist, so hat sich auch der ganze Briefknltus jener Zeit und mit ihm der klassische Briefstil damals entwickelt. Den Charakter dieses klassischen Briefstils hier auseinanderzusetzen, würde uns zu weit führen; der Leser möge das wertvolle Buch Steinhaufens selbst zur Hand nehmen. Bom Ende der vierziger Jahre an schwindet die Bedeutung des Briefes mehr und mehr. Die Zeitungen, die sich in jährlich wachsender Zahl dem Volke dar­bieten, bringen alles, was früher zum guten Teil den Inhalt der Briefe bildete. Die politischen Kämpfe und Ereignisse drängen die litterarischen und künst­lerischen Fragen zurück. Der gesteigerte Verkehr durch Eisenbahnen, Dampf­schiffe, Telegraphen uud Telephone läßt die Menschen zu der für den Brief notwendigen Verinncrlichnng und Beschaulichkeit nicht mehr komme». Im vorigen Jahrhundert füllte das Gemütsleben den ganzen Menschen aus; heut­zutage wird es immer weiter zurückgedrängt durch eine verstandesmäßige Lebensausfassung, durch eiu äußerliches, vielfach verlognes und unbehagliches Gesellschaftsleben.

Wenn man aber einem Wesen Luft und Seele auspumpt, so bricht auch seine Form zusammen. Die Sprache iu unser» Briefen sinkt daher von Jahr zu Jahr tiefer; der Zauber des deutscheu Briefes ist dahin. Die offne Post­karte mit ihrem geschäftsmäßigen Notizenkram ist so recht charakteristisch für ttnsre Zeit. Und mit dem Telegrammgestammel sind wir in der That wieder zu den Nuneu der alten Germanen zurückgekehrt. Der Kreislauf ist geschlossen, eine neue Blüte des deutschen Briefes haben wir nicht mehr zn erwarten. So wolle» wir wenigstens das Erbe der Vorfahren schätzen nnd genießen, wenn wir auch die Seligkeit, die sie beim Briefschrciben empfanden, kaum noch mitzufühlen vermögen.

Farbige Kupferstiche

ie Kunst des Rokoko ist rasch aus einem verstoßnen zu einem verhätschelten Kinde geworden. Als die Kunstwissenschaft wagte, schüchtern auszusprechen, die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts verdiene doch nicht ganz den Übeln Ruf, in den sie Klassizis­mus uud neue Gothik gebracht hatten, schüttelte man bedenk­lich den Kops über die neue Verirrung; heute bewundert das Publikum