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Aus dänischer Zeit : 10. Tanzstunde
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Söhne des Herrn Denker erzählten von ihren Kaninchen, oder davon, daß ihr Bater Herrn und Madame Weihkopf in ganz enge», fleischfarbnen Hosen in Sankt Pauli bei Hamburg habe tanzen sehen. Wir glaubten diese Geschichte nicht recht, nur auf Jürgen machte sie einigen Eindruck. Noch immer hatte er keine Lust zum Tanzen, und als er horte, daß man im Ballet meistens in einem Kostüm tanze, das man in unsrer Stadt nicht auf der Straße zeigen könne, schwand seine Achtung vor dem Tanzlehrer immer mehr. Als dieser ihm einmal mit dem Violinbogen über die ungeberdigen Beine fuhr, verschwand unser Bruder stillschweigend aus dem Saale, um fürs erste uicht wiederzu­kommen. An sehr gute Behaudluug bei allen Lehrern gewöhnt, konnte er es uicht begreifen, daß ihn ein Ballettänzer schlagen durfte, und er wußte unserm Vater seine Abneigung gegen alles Tanzen so begreiflich darzustellen, daß dieser ihm erlaubte, aus den Stunden wegzubleiben. Wir andern tanzten aber munter weiter: Walzer, Esmeraldas, Frcmeuisen; immer lustiger wurde es, und als das Ehepaar Weihkopf lange genug mit uns gehüpft und gesungen hatte, durften wir unsre Künste der Öffentlichkeit zeigen. Dieverehrungs­würdigen Eltern und sonstigen Angehörige!?" wurden eingeladen, unsernAb­tanzball" mit ihrer Gegenwart zu verherrlichen, und in jedem Hause begann sich einige Aufregung einzustellen. Ju der Stadt entstand große Nachfrage nach weißbaumwollnen Glacehandschuhen, wie wir diesen zum erstenmal ge­forderten Ballartikel nannten, die besten Stiefel wurden neu besohlt, und der Bedarf an Makassaröl und Eau de Lavcinde ging ins Großartige. Um vier Uhr nachmittags sollte das Fest beginnen; aber schon viele Stunden vvrher verlangten wir in unsern Ballstaat gesteckt zu werden und wiesen Speis und Trank mit Entrüstung zurück. Auch Jürgen ging mit. Er fand es doch an­gemessen, sich zu denverehrungswürdigen Angehörigen" zu rechnen und nahm mit Selbstgefühl diese Stellung ein, obgleich er behauptete, nicht tanzen zu wollen.

Als wir den Saal betraten, war er köstlich mit Tannenreisern und Papierblumen geschmückt, wahrend an den Wänden die vornehmsten Leute aus Stadt und Land saßen. Alle Beamten waren mit ihren Familien erschienen, auch die Hofbesitzer, und unsre durch Pracht unverwöhuten Augen wurden fast geblendet von alle den schwarzseidnen Kleidern und den gelblichwcißen Vlondenhauben.

Herr und Madame Weihkopf standen in der Thür, jeden Gast aufs leut­seligste begrüßend. Beide waren im Gesellschastscmzug und sahen äußerst sein uud würdig aus. Endlich stellte sich der Tanzlehrer feierlich in die Mitte des Saals, hob den Arm, nnd nuu begann die Stadtmusik ihren Eingangsmarsch zu spielen. Es war derselbe, mit dem die Honoratioren begraben wurden, und er kam uns so angenehm bekannt vor, daß die Polonaise sehr schön ging. Auch die Zuschauer summten ihn leise mit, denn es geht nichts über eine wohlvertraute