Beitrag 
Joseph Joachim der Bauerndichter
Seite
343
Einzelbild herunterladen
 

Joseph Joachim der Bauerndichter

343

kaum daß er sich in den Feierstunden mit dein Lesen belletristischer Schriften belehren und unterhalten und gelegentlich für Fachzeitungen kleine Abhand­lungen über land- und volkswirtschaftliche Zeitfragen schreiben konnte. Da wollte es der sonderbare Zufall, daß der bereits in den vierziger Jahren stehende Bauersmann bei der Redaktion eines politischen Blattes beteiligt wurde, nnd geärgert dnrch die gewöhnlich sehr geringwertige Kost, die den Lesern in den Feuilletons unsrer Presse geboten wnrde, begann er (1881) seine erste Bauerngeschichte (Ein Erntetag) zu schreiben, und aufgemuntert durch den Beifall, mit dem sie aufgenommen wurde, unter dem Titel »Aus Berg und Thal« eine Reihe andrer, zumeist im Dialekt gehaltner, kleiner Volts- erzählnngen folgen zn lassen. Hierauf versuchte er sich auch ^ alles ohne je die Pflugsterze völlig aus der Haud zu legeu in großen Erzählungen, Bauernromanen, vaterländischen Dramen" u. s. w.

Die Herbheit, mit der Joachim jetzt noch, iu seinem Alter, von dem Zwange berichtet, der ihn, den lernbegierigen Knaben, gegen seinen Willen ins Bauerntum zurückwarf, ist charakteristisch für den ganzen Manu. Denn wenn man seine poetischen Werke überblickt (soweit wir sie in den angeführten Büchern haben kennen lernen) so sieht man, daß es vor allein andern die geistige und gemütliche Enge, die Beschränktheit des Bauernvolkes ist, die ihm am meisten zu schaffen macht und gegen die sich seine satirische Muse am nachdrücklichsten richtet. Er hat unter der spezifisch bäurischen Beschrüuktheit wohl sehr viel gelitten. Er mutet uns wie ein Gefangener an, der sich über den Maugel an körperlicher Freiheit dadurch hinwegtäuscht, daß er die Mauern selbst, die ihn umschließen, zum Gegenstande des Studiums macht und sich so eine Beschäftigung schafft, die ihn innerlich befreit. War Joachim durch sein Schicksal an die Scholle gebnnden, so hat er auf diese Scholle selbst so eindringlich seinen Blick gerichtet, daß sie ihm dabei zerstob, so wie nach dem Märchen der Tod überwunden wird, wenn m,u? ihm nur fest ins Auge sieht. Joachim hat seinem engen Dorfe einen Wert abgcrnngen, den es einem gleich leidenschaftlichen, aber nicht dichterisch begabten Menschen niemals offenbart hätte. Und daß man diesen Kampf gegen die Enge des Dorfes und seiner Bewohner als einen aus der Tiefe dieser dichterischen Persönlichkeit quellenden empfindet, das ist der eigentüm­lichste Charakterzug an Joseph Joachim. Er zieht sich durch alle seine Dich­tungen hindurch; die bäurische Beschränktheit wird in allen ihren Erscheinungs­formen aufgedeckt, angegriffen, gegeißelt, lächerlich gemacht. Es offenbart sich darin ein freier Geist, ein nach großherziger und klassischer Humanität stre­bender Sinn. Wer ihm dieses bessere Ideal vom Menschendasein mitgeteilt hat, das sagt er nicht. Er hat es wohl durch Lesen großer Dichter kennen lernen. Er brauchte ja nur seine wirkliche Umgebung mit dem zu vergleichen, was er, allein mit seinen Büchern, von den Städten draußen erfuhr, um zur