Moltkes Charakterbild
nach seinen Familienbriefen von Lrnst Groth
ilitärische Eigenschaften nnd dichterische Einbildnngskraft gelten gewöhnlich als unversöhnliche Gegensätze. Der Berns eines Soldaten und die Thätigkeit eines Künstlers scheinen nichts mit einander gemein zu haben. Dort rücksichtslose Unterdrückung persönlicher Regungen und selbständiger Gedanken, hier volle Entfaltung und sreie Herrschaft aller geistigen und seelischen Eigenschaften; dort strenge Ordnung, Schablone und Gleichmäßigkeit, hier willkürliches Walten nnd eigenmächtiges Schaffen der ungebundenen Phantasie; dort kaltherzige, vorsichtige Berechnung des Mgeluden Verstandes, hier mächtiger Ausbruch aller schöpferischen Jdeeu uud Leidenschaften. Militärischer uud künstlerischer Geist scheinen so wenig vereinbar zn sein, daß die Geschichtschreiber, wo sie einmal ihre Verschmelzung finden, darüber in Verwunderung geraten nnd dem Rätsel nur durch gründliche Psychologische Untersuchuugcu beikvmmen zu köuneu glauben. Großartige Ereignisse uud außerordentliche Erfolge Pflegen den Helden so hoch aus den Kreisen des alltäglichen Lebens zu heben, daß mau nur das Außerordentliche an ihm erkennt nnd nur das Fertige, Abgeschlossene in seinem Wesen bewundert. Das rein Menschliche, die geheimen Regungeu der Seele, die innern Kämpfe, die Sorgen nnd Freuden, das ganze Gemütsleben mit seinen verborgenen Reizen, die Träume einer ruhelos bewegten Phantasie, alles das tritt in dem Urteil der Menge zurück hinter den blendenden Glanz der äußern Erfolge. Und doch ist gerade das rein menschliche, das Seelenleben in einem Helden für jeden tieser angelegten Beobachter das wahrhaft anziehende, der werdende Charakter interessanter als der vollendete, das Vorbild einer großen sittlichen Persönlichkeit oft wertvoller nnd segensreicher als eine ganze Reihe gewonnener Schlachten und eroberter Länder.
Freudig begrüßen wir daher den soeben erschienenen Band von Moltkes gesammelten Schriften und Denkwürdigkeiten, der die vertraulichen Briefe des großen Mannes an seine Mutter und seine Brüder enthält. Sie führen uns aus den ersten Jcchreu seiner Leutnantszeit bis in sein spätes Greisenalter, sie gewähren uns eiuen Eiublick in die stille Werkstatt seiner Gedanken, sie zeigen