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Die Raisorpolitik des ünttt'laltcrs
war schon ein verheißungsvoller Anfang in dieser Richtung. Es wird eben noch schlimmer werden müssen, ehe diese Notwendigkeit von breiten Schichten des Volkes anerkannt wird. Daß es aber auch wirklich noch schlimmer werden wird, daran besteht sür uns leider kein Zweisel. Kein geordnetes zivilisirtes Staatswesen kcmu auf die Dauer dieses Wahlrecht aushalten, weil es von Grund aus roh, kultur- und autoritätsfeiudlich ist. Keiu Reich kaun bestehen, das das öffentliche Leben an einer der wichtigsten Stellen der Demagogie ansliefert, auch wenn es ein so starkes Gegengewicht in einer festbegründeten Monarchie und in wohlbewährten konservativen Einrichtungen und Anschauungen besitzt wie Deutschland.
Die Kaiserpolitik des Mittelalters
voll Gtto Raemmol
ielen wird es noch in der Erinneruug sein, daß bei der Erueueruug des deutscheu Kaisertums iu Nvrddeutschland eiu gewisser Widerspruch gegen den Kaisertitel hervortrat. H. v. Treitschke gestand wohl zn, daß er unvermeidlich sei, hätte aber lieber gesehen, wenn sich die stärkste europäische Macht in stolzer Bescheidenheit mit dem Titel „deutscher König" begnügt hätte, und G. Freytag gab derselben Empfindung sogar poetischen Ausdruck, hielt auch diese Äußerimg für wichtig geuug, sie uvch fast zwanzig Jahre nachher iu seiuer letzten Arbeit: „Kronprinz Friedrich uud die deutsche Kaiserkrone" nochmals abdrucken zn lassen. Die Frende über das neue Kaisertum regte sich weit mehr außerhalb Preußens als in Preußen.
Es war das teilweise noch ein Nachklang jenes wissenschaftlichen Streites, der namentlich in den fünfziger Jahren über die Bcdcntnng der deutschen Kaiser- Politik des Mittelalters zwischen unsern ersten Historikern geführt worden war. Während die einen, wie Giesebrecht, Wcntz und Ficker, an der überlieferten Auffassung festhielten und demnach das mittelalterliche Kaisertum als eiueu Stolz der Nation betrachteten, wollte H. v. Sybel nnr das Verderbliche fehen, das sich unlengbar mit der Kaiserpolitik verbunden hat, uud uoch in seiner Einleitung znr „Begründung des deutschen Reiches durch Wilhelm I." klingt dieser Grund- ton durch.
An sich ist eine solche Erscheinung gewiß höchst merkwürdig. Iu England z. B. wäre ein so zwiespältiges Urteil über die normännische Eroberung gewiß uumöglich. Es beruht auch in Deutschland wesentlich darauf, daß die Ent- wickluug unsers Volkes keine ungebrochene gewesen ist. Und wann tauchte