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Nismarcks parlamentarische Kämpfe und Siege. Von Friedrich Thudichum. Zweite Abteilung. Stuttgart, F. Enke

Das Sprichwort von den gefährlichen Freunden könnte in dein Sinne noch ergänzt werden, daß man ungeschickten Feinden dankbar sein müsse. Der Verfasser des obengenannten Werkes z. B. hätte alle Ursache, dem Kritiker, der in der Wiener Neuen freien Presse nichts als übles von dem Buche zu sage» wußte, seinen Dank abzustatten. Der Mann hat sich nämlich so maßloS darüber geärgert, daß Thndichmn Grundsätze und Maßregeln verteidigt, über die Autoritäten wie Lasker uud Bnmberger den Stab gebrochen haben, er wundert sich so naiv dar­über, daß ein Lehrer nn einer deutscheu Universität noch wagt, sich auf die Seite des gestürzten Staatsmannes zn stellen (sollte das etwa in Osterreich undenkbar sein?); er wird mit seinen Gallenergüsseu so possirlich, daß jeder unbefangne Leser im voraus eine vorteilhafte Meinung von dem Buch erhalten muß. Und es ist in der That eine höchst verdienstliche Arbeit. Sicherlich ist die Popularität unsers ersten Kanzlers seit Jahr und Tag ununterbrochen im Steigen, uud der Wunsch ist begreiflich, sich alle Einzelheiten seiner Laufbahn zn vergegenwärtigen. Dazu ist nun neben den Sammlimgen seiner Reden das vorliegende Werk vorzüglich ge­eignet. Die Ältern haben ja das alles mit erlebt, aber so vieles, so manche nicht für den Ausgang wichtige, aber besonders charakteristische Episode in den Kämpfen ist im Laufe der Jahre aus unsrer Erinnerung geschwunden! Wenn nuu hier im Zusammenhange die großen gruudlegcuden oder Rcformarbeiteu dargestellt, vcrgcßne Rede», Zeitungsartikel, lügenhafte Ausstreuungen aus dem Duukel wieder hervor­gezogen werden, fo kann das freilich den unverbesserlichen Gegnern des großen Mannes nur uttaugcuehm sein. Wem es jedoch um Wahrheit zu thuu ist, der erkeuut mit Staunen uud Scham, wie viel Vorurteile, Verrauutheit, Kurzsichtigkeit und Tücke überwunden werden mnßten, damit die Verstaatlichung der Bahnen, die Verteilung der Steuern, die Verlängerung der Wahl- und Finanzperiodeu, die Sozialreformen, die Kolonialpolitik u. s. w. u. f. w. durchgeführt werden konnten. Als sich Bismarck in Gcestemünde der Stichwahl unterziehen mußte, schrieb Paul Cassaguae, iu einigen Jahren werde man Bismarckdenkmäler setzen, aber zu spät für die Ehre Deutschlands. Dieses Werk gehört zu den Denkmälern, die bezeugen, daß wenigstens nicht bei allen Deutschen das Dankgefühl erst am Grabhügel erwacht.

Für die Redaktion verantwortlich: Johannes Grnnuw in Leipzig Verlag von Fr. Wilh, Grnnow in Leipzig Druck von Carl Marquart iu Leipzig