Beitrag 
Lenau und Sophie Löwenthal
Seite
85
Einzelbild herunterladen
 

Erste Liebe tt5

Aber nicht mit eiuem Aüßklaug »vollen wir von dem Anblick dieser Liebe scheiden. Wer sagt uns mich, ob Sophiens Stimme, die Leimn allgewaltig zu sich zurückrief, nicht zugleich die seines eignen Herzens gewesen ist, die ihm sagte, daß ihm diese Frau vou keiner andern ersetzt werden könne? Was anch diese Liebe an ihm verschuldet haben mag, dem Dichter hat sie eine Fülle der süßesten, wenn auch schmerzlichsten Anregungen gegeben, und dem Menschen hat sie ein Glück gewahrt, wie es nur wenigen Sterblichen zu teil wird.Hätte ich dich nicht gefunden - sagt er selbst, sv hätte ich auch nie erfahren, was es heißt, vvn einem Weibe geliebt zu werden, die es wert ist, daß mir mein Unglück das Liebste ist, was ich habe. Ich habe mir nie ein Glück geträumt, wo­gegen ich dieses Unglück vertauscheu möchte." An diesem Bekenntnis können sich wohl die Außenstehenden genügen lassen und verzeihend einen Kranz ans das Grab der Frau legen , die das Verhängnis, aber auch das Glück des armen Leimn gewesen ist.

Grste Liebe

cißt dn eigentlich, was Liebe ist? Sv fragte mich meine Freundin, als wir an einem warmen Sommerabend Arm in Arm in unserm kleinen Garten saßen. Schon fing Dämmerung an, sich leise über alles zu legen; eine Amsel sang ans der Esche hernieder, und die Pflanzen dufteten stärker in der Abendlnft. Wir waren beide vierzehn Jahre alt, saßen in der Schnle neben einander nnd teilten alle unsre kleinen Freuden nnd Leiden zusammen.

Liebe? fragte ich und sah erstaunt in Lenchens große schwarze Kirschen- augcu. Natürlich, wem, man jemand lieb hat.

Das hab ich bisher auch gemeint, antwortete sie, aber es muß doch noch etwas andres sein, und dabei steckte sie nachdenklich ihr Stnmpfnäschen in den Kelch einer weißen Lilie, die neben unsrer Bank stand. Weißt du, ich habe bei der Tante in einem Buche darüber gelesen; ich glaube, wenn man jemand so lieb hat, daß man eher sterben könnte, als ohne ihn leben

Das ist doch wohl ein bischen stark ausgedrückt, sagte ich nnd kam mir in diesem Augenblick unendlich mäßig vvr, da ich mich sonst in Extremen zu bewegen liebte.

Es wurde stiller um uns her, und wir sprachen nicht »veiter. Im Nachbars­garten wurde der Nasen gespritzt, und der Wind sing an, in den Blättern über uns zu lispeln. Eine selige Ruhe erfüllte meine Brust. Mir war, als könnte