Unsre auswärtige Lage
ie ursprünglich englische Gepflogenheit, daß leitende Staatsmänner bei festlicher Gelegenheit das Wort ergreifen, nm ihre Ansichten über große und kleine Politik zu entwickeln, hat, wenn wir von Rußland absehen, allmählich in ganz Europa Nachahmung gefunden. So wird denn auch die gegenwärtige Lage beherrscht durch ähnliche Kundgebungen, die von französischer wie von deutscher Seite gekommen sind. In Bapaume wie in Osnabrück ist dem Frieden ein Loblied gesungen worden, wobei Herr Nibot, der Zivilist, die militärische Seite dieses Friedens stark hervorkehrte, während General von Caprivi seine Zuhörer mit besondern: Nachdruck auf die große» sozialen uud wirtschaftliche« Aufgaben hinwies, die die nächsten Jahrzehnte zu lösen hätten. Die nächsten Jahrzehnte! Die nervöse Spaunung, in der uns die Gegenwart hält, erlaubte kaum von Frühjahr zu Frühjahr voranszndenten. Wenn der Reichskanzler mit solcher Entschiedenheit, wie er es gethan hat, für den Frieden einsteht, wird man wohl mit Recht annehmen, daß er von seiner größern Kenntnis der Verhältnisse aus Dinge sieht, die für nns noch unsichtbar sind. Wenn kein Wölkchen am politischen Horizont für ihn sichtbar ist, so muß sein Horizont eben ein weiterer sein. Wer am Boden steht, kann sich allerdings der Thatsache nicht verschließen, daß sein eigner engerer Horizont rings von Wolken umkränzt ist. Die erste politische Wolke, die uns als die drohendste erscheint, ist das zur Thatsache gewordue und mit aller wünschenswerten Offenheit verkündete russisch-französische Büudnis. Der Reichskanzler hat diesem neuen Verhältnis dadurch deu Stachel zu nehmen versucht, daß er erklärte, es sei dadnrch gewissermaßen eine Gleichgcwichtsstellnng in Europa herbeigeführt wordeu. Nusfen und Franzosen sehen in dieser Erklärung die Anerkennung, Grenzbote» IV 1891 8