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Was kann die Schule zur Charakterbildung thun?
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Hamerling der Philosoph

andachten. An vielen Anstalten, wo sie eingeführt sind, herrscht ein so frivoler Ton, daß man erstaunt nach dem Grunde fragt. Zum Teil sind die Schüler ebenfalls übersättigt und nehmen nichts mehr auf, zum Teil wisse» sie, das; die Lehrer selbst das nicht glaubeu, was sie predigen, und verlieren so die Achtnng vor dein Lehrer und die Achtung vor dem Heiligen. Nein, durch so äußerliche Mittel läßt sich Frömmigkeit nicht schaffen. Frömmigkeit und Vaterlandsliebe sind zarte Pflanzen, die man nicht immerfort in die Hand nehme» darf. Wenn der Lehrer selbst streng sittliche Grundsätze hat und dar­nach haudelt, wenn er von Gott und göttlichen Lehren mit einer heiligen Scheu spricht, danu wird er in den Kindern auch jene Frömmigkeit wecken, die zwar nicht immer deu Menschen, aber stets Gott gefällt.

So könnte unsre Jugend zu Offenheit, Pflichttreue und Willensstärke, Vaterlandsliebe und Frömmigkeit erzogen werden, wenn man sich oben damit begnügte, allgemeine Vcstimmnngen zu erlassen, im einzelnen aber dem Lehrer mehr Freiheit und Selbständigkeit ließe. Dieser Mangel an Selbständigkeit macht sich auch bei den Schülern, namentlich iu deu obersten Klassen, geltend. Ein seltsamer Widerspruch! Auf der einen Seite scheut man sich, die Schüler fest anzugreifen, auf der andern gängelt mau sie bis zur Uuiversität wie kleine Kinder. Der Primaner wird zwar mitSie" angeredet, im übrigen aber ebenso behandelt wie der Sextaner. Für deu Achtzehujährigen gelten dieselben Schulgesetze wie für den Neunjährigen, er muß in der Klasse in einem Fache ebenso viel leisten wie im andern, eigentümliche Nichtuugcu seines Geistes werden nicht berücksichtigt, unerfahren, unselbständig, unfähig, sich fortzubilden, verläßt er die Schule, vollgestopft mit Kenntnissen, aber kein Charakter. Ganz recht: es ist hohe Zeit, daß die Schule etwas für die Charakterbildung thne.

Hamerling der Philosoph

ach seinem Tode hat Hamerliug die Welt »och mit einem philo­sophischen Werk überrascht, desse»Niitorlvrrcktnr" an seiner Stelle ein Freund, vr. Adolf Harpf, hat besorgen müssen.") Das Vorwort enthält eine ausführliche Verteidigung seines Unterfangens, als Dichter Philosophie zu treiben nnd sogar ein philosophisches Buch zu schreibe». Mau muß lächeln über den Ernst, mit dem er die etwaige» Einwürfe litterarischer Philister widerlegt. Solchen

") Die Atomistik deS Willens. Beiträge zur Kritik der moderne» Erkenntnis. Bon Robert Hnmerling. Zwei Bände. Hamburg, Verlag und Drnckerei der Aktien- gesellschast (I. F. Richter), 1891.