Gymnasiallehrer und Gymnasialnovellen
s wäre in kulturgeschichtlicher Beziehung eiüe interessante Arbeit/ einmal zu untersuchen, wie sich in unsrer Nvmandichtung die Gesellschaftskreise und Berufsstände ändern, aus denen die Schriftsteller mit Vorliebe ihre Helden zu nehmen Pflegen- Natürlich könnte sich eine derartige Untersuchung nur auf die sogenannten sozialen Romane und Novellen beziehen, deuu bei geschichtlichen Romanen kann von einer freien Wahl des Schriftstellers in dieser Hinsicht kaum die Rede sein, da der Charakter dieser Gattung einer Vorliebe für bestimmte Bernfsstände nicht viel Raum läßt. Im sozialen Roman dagegen, insbesondre bei denen zweiter und dritter Ordnung, die auf den Beifall der nn Äußerlichkeiten klebenden schönen Leserinnen berechnet sind, laßt sich eine derartige Bevorzugung durch alle Perioden der Litteraturgeschichte verfolgen. In den dreißiger Jahren und noch früher sind die Aristokraten, die Barone und die Grafen die Hauptträger der Handlung; dann tauchen abwechselnd die ideal angehauchten jungen Rittergutsbesitzer auf, die hochgebildeten Kaufherren mit ihren Säcken voll Geld und ihreu Herzen voll Menschenliebe, die Jndustriehelden mit veilchenblauen Augen und laugen blonden Vollbärten, und die nervösen Staatsmänner, deren diplomatische Berechnungen an dem Venusberge zu schänden werden; dann erscheinen die menschenfreundlichen Ärzte, deren Kunst eine Gräfin oder Prinzessin von langer Krankheit und sie selbst von einem lüstigen Junggesellentum befreit; und weiter die mühnenschüttelnden Künstler, in deren Augeu süßer Wahnsinn glüht, nnd die formgewandten, ritterlichen, liebeschmachteuden Assessoren, die allemal schon das Minister- Portefeuille, selbst für Landwirtschaft und Viehzucht, in der Tasche tragen.
schaftlichem Geiste erfüllt ist. Gnad weist nach, was wir vor zwei Jahren bei Besprechung der „Stationen" hier ebenfalls gethan haben, daß Hamerling kein naiver Lyriker war, wie er selbst meinte; auch ans ihren abstrakten Charakter weist Gnad treffend hin und zeigt ferner, daß einunddieselbe Idee, die Idee der Liebe, in allen Werken des Dichters gefeiert wird. Die Studie ist vor dem Erscheinen der „Atomistik" geschrieben worden. Durch dieses Werk hat die ganze Hcunerling-Kritik eine neue Grundlage gewonnen; man kann nicht mehr über ihn schreiben, ohne mit seiner Ethik vertraut zu sein.
Grenzvvten II 1891 37