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Litteratur
sein, die an irgend eine Beziehung glauben zwischen dem allgemeinen Stinnnrecht nnd dem Sinn eines Vvlkes. In der traurigen Lage, sich stellen zu müssen, als glaubte er au eiue solche Beziehung, ist allerdings Herr de Cassagnae. Seine Politik ist ja gebaut ans das widersinnigste der Dogmen, ans das Dogma der imtrüglichen Weisheit und Macht des allgemeinen Stimmrechts. Unbefangene Köpfe, die nicht in der Lage sind, mit dem allgemeinen Stimmrecht ein trügerisches Manöver vornehmen zn wollen, von dem sie die Erreichung ihres Zieles erwarten, wissen, daß das allgemeine Stimmrecht, zumal wenn es sich unter der Decke des Geheimnisses abspielen darf, der Freibodeu aller kleiueu und alberueu Leideuschafteu ist. Der Geist eines Vvlkes ist allem iu seinen erleuchtete» Köpfen, von deuen eine elektrische, allerdings, je weiter sie sich von ihrem Herde entfernt, desto schwächer wirkende Kette bis zn den fernsten Enden ausgeht. Das allgemeine geheime Stimmrecht ist nichts als die Absperrung dieses Stromes von der Masse des Volkes, ist nichts als die Befreiung aller kurzsichtigen Instinkte, aller niedrigen Begierden. Nur in den seltensten Fällen kann es vorkommen, daß eine edle Leidenschaft sogar den Damm hinwegreißt, den das Geheimnis vor das niedrige Getiimmel des allgemeinen Stimmrechts zieht. Ein Staatsmann, dessen gewaltige Hand ganz neue Zustände schafft, hat alle Anhänger des Alten zu Feiudeu. In Deutschland hat jedermann gewußt, daß der Eigennutz, der sich früher innerhalb der Karikatur des Privatstaateutums gütlich that, den Zertrümmerer dieser Mißwirtschaft haßt, ebenso wie ihn der Radikalismus haßt, für den Herr de Cassagnae das prächtig Wort Radieaille erfunden hat. Wer aber will diese Elemente vom allgemeinen Stinnnrecht ausschließen? Ein solches Rezept hat nicht einmal Herr de Cassagnae erfunden, nnd da wundert er sich, daß auf dem Vvdeu des geheimen allgemeinen Wahlrechts mindestens ebenso viel Ungeziefer herumkrabbelt, als sich gesunde Wesen da bewegen töuueu!
Litteratur
Gedichte von Paul Kunad. Dresden und Leipzig, E. Piersvns Verlag.
Aus der Flut immer uener lyrischer Sammlungen, die in den seltensten Fälleu auch nur ein schönes, warmempsuudenes nnd eigentümliches Gedicht enthalten, tancht dies schlichte Heftchen bemerkenswert hervor. Die Gedichte von Panl Knnad sind Zengnisse eiues echten lyrischen Talents, das sich freilich des modischen Pessimismns nicht völlig zu erwehren vermocht hat, aber seine trübe Grundempfinduug wenigstens in wohltöneudeu und nicht schrillen Lauten ansspricht. Gedichte wie „Mondnacht," „Mitlagsstimmnug," das Ritornell „Bräutlicher Schleier," „In der Haide," „Das Volkslied," „Irrtum" uud ewige audre sind nicht bloß formell vortrefflich, svuderu bergeu innere Mnsik. Wir wünschen dem Dichter gedeihliche Entwicklung uud Überwindung jedes uuechteu Pathos.
Für die Redaktion verantwortlich: Johannes Grunvw in Leipzig Verlag von Fr. Wilh. Grunow in Leipzig — Druck von Carl Marqnart in Leipzig