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Gedichte von I, M, R. Lenz. Mit Benutzung des Nachlasses WendelinS von Maltzahn herausgegeben von Kart Weinhvid. Berlin, Wilhelm Hertz, 1891

Die einzige Gesamtausgabe der Gedichte des genialen livläudischen Dichters, die wir besitze» und die nach langem Zögern Tieck im Jahre 1328 im wesent­lichen auf Grund von Sammlungen nnd Vorarbeiten andrer veranstaltete, genügt schon lange den Anforderungen nicht mehr, die wir uns gewöhnt haben nn eine solche Ausgabe zu stellen. Sie läßt nicht uur, wie sich mit der Zeit ergeben hat, eine strenge Beibehaltung aller Eigentümlichkeiten der Originale vermissen, eine ganze Reihe Lenzischer Gedichte bietet sie überhaupt nicht. Im Laufe der Jahrzehnte ist bald hier bald dort ein Gedicht von Lenz aufgetaucht, das bei Tieck fehlt, uicht zum mindesten haben die reichen Handschristensnmmlnngen Wcndelins von Mal Hahn und Jegors von Sivers wertvolle, bis dahin verborgne Beiträge zur Lenzlitteratnr dem Forscher zngänglich gemacht, kleinere Grnppen aus diesen später wieder entdeckten Poesien sind auch wohl schon zusammengestellt worden (so be­sonders von Sauer im achtzigsten Bande der deutschen NationaUitteratur). Jetzt hat einer unsrer verdientesten Germanisten, der uns vor einigen Jahren mit dem dramatischen Nachlaß von Lenz beschenkt hat, auch seine kleinere» Gedichte voll- ständig in einem saubern und wir dürfen überzeugt seiu ganz zuverlässigem Abdruck herausgegeben. Zum größten Teil sind es lyrische Ergüsfe, Gelegenheits­gedichte, anfangs wie gegen den Schluß mehr im schlechten, meist aber im besten Sinne des Wortes, rechte Geburten des Augenblicks, die uns oft nicht immer wie durch einen Aaren Spiegel in die empfindsame, leicht erregte Seele des jungen Stürmers und Drängers schauen lassen; dazwischen begegnet Satirisches, wie es gerade der Straßburger Kreis, der ohne Bedeuten die ganze Welt vor den Kops stieß, in Menge hervorgebracht hat, nnd endlich sind zu uennen die unreifen epischen Bruchstücke, die als die ersten Kinder der Lenzischen Muse die Sammlung eröffnen.

Die poetische Laufbahn LenzenS gleicht der eines Meteors, das in kühnem Schwünge himmelau steigt, nm schnell wieder zu sinken uud iu kaum bemerkbare, unansehnliche, ja klägliche Reste zu zerstieben. Ganz im Banne der Klvpstockischen Dichtung wagt der Knabe im Vaterhnuse in Livland au einem epischen Gesaug vom Versöhuungstode Christi zum ersteumale seine Krast, die sich als bedeutender, selbständiger Kern auch iu der erborgten Schale kundgiebt. Im wärmern Süden, an deu schönen Ufern des grünen Rheins wird sein Herz weit, die bannende Kruste der Überlieferung schmilzt, juuge Schwingen wachsen ihm uud tragen ihn schnell weit empor. Doch der allzu kühne Flieger verliert den Boden aus dem Gesicht, wird unsicher, beginnt zu schwanken, zn taumeln, vor den Augen wird es ihm dunkel, wird es Nacht. Das ist in wenigen Worten das verhängnisvolle Schicksal des unglücklichen Lenz.

Es ist begreiflich, daß wir den Dvrpater Jugendgedichten uicht viel Geschmack abgewinnen können; klopstockisirend sind die epischen Bruchstücke wie die. Oden, und in beiden bleibt der Schüler nicht so sehr durch deu Gehalt der Sprache, als durch die unvollkommne Bildung des Verses hinter dem Meister weit zurück. Bezeichnend für die unbedingte Abhängigkeit, in der auch der Königsberger Student Lenz zu Klopstock «och stand, erscheint folgender Parallelismus. Klopstock widmete die 'erstem fünf Gefänge des Messias seiueiu Gönner, dem Könige Friedrich, durch eiue Ode im sogenannten zweiten asklepiadeischen Versmaße. Iu demselben Maße,