232
Maßgebliches und Unmaßgebliches
ihm hindert ihn zwar am eigenen künstlerischen Schliffen, nm so besser aber kann er fremdes beobachten nnd beurteilen. Die in ihm steckende poetische Begabung findet doch auch noch ihre Geltung: in der Poesie der Poesie. Das Festgedicht zur Gruudsteüilegung des Denkmals für Ferdinand Raimund ist ein Meisterstück poetischer Charakteristik eines Dichters. Nie findet Berger geistvollere Bilder und packendere Töne, als wenn er gerade die Poesie feiert.
Und damit find wir von innen heraus zur Beurteilung des dichterischen Wertes von Bergers Lyrik gekommen: reich nn Gedanken, minder reich an Bildern, häufig abstrakt, zuweilen geradezu prosaisch im Ausdruck, ja hie und da sogar fehlerhaft in der Sprache, niemals trivial, am anmutigsten, wenn sie ein feines Apercu, einen schönen Witz in feine Form faßt, immer fesselnd durch die gerade, schlichte Ehrlichkeit der Empfindung — dies ist ihr äußerer ästhetischer Charakter.
Das Buch ist ein Bekenntnis, das ist die Hauptsache. Nicht bedeutungslos kann der Titel „Gesammelte" Gedichte sein. Warum gesammelt? Es ist ja bisher im Buchhandel unsers Wissens keine andre Sammlung Bergerscher Lyrik erschienen. Offenbar — auch der Inhalt selbst berechtigt zu dieser Vermutung — wollte Berger, nn einer wichtigen Wendung seines Entwicklungsganges angelangt, einen sichtbaren Abschluß macheu. Aller Zwiespalt liegt hinter ihm; er weiß, was er soll, uud darum auch, was er will, und diese Gedichte schließen seine Vergangenheit ab.
Wien M N
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Aus Wilhelm Tanberts Jugendzeit. Der -im 7. Januar kurz vor Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres verstorbene Oberhofkapellmeister Wilhelm Tnubert hat als jüngerer Mann zweimal Leipzig besucht, nm sich auf dem Klavier hören zn lassen, einmal im Herbst 1333, das andremal im Frühjahr 134(i. Über den ersten Besuch liegen mir nähere Mitteilungen vor, die so bezeichnend für die liebenswürdige Art des Künstlers nnd zugleich für das damalige Musikleben sind, daß ich manchem eine Freude zn bereiten hoffe, wenn ich sie hier wiedergebe.
Den nächsten Anlaß für die erste Reise des damals 22jährigen Künstlers bot der Wunsch, seine zwei Jähre ältere Jugendfreundin Henrictte Knntze, die sich 1830 mit dem Leipziger Kaufmann Karl Voigt verheiratet hatte, wiederzusehen und ihren Gatten kennen zu lernen. Tanbert war mit ihr in Berlin, wo sie mehrere Fahre, bis 1823, im Bendemannschen Hanse weilte, zunächst dadurch