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Der eiserne Rittmeister
Studium betreibt. Und »och tiefer geht der Gegensatz. Jageteufel fühlt sich auf der Welt nur dazu berufen, die Pflicht zu erfüllen und andre dazu anzutreiben; er geht auf im Dienste des Vaterlandes. Für den Phhsikns ist dies aber die allergrößte Thorheit; das wahrhaft Lebenswerte erscheint ihm nur die Befriedigung des Ichs, Napoleon ist ihm das wahre Genie, der hat mit seiner titanischen Selbstsucht das richtige Teil erwählt; auch Goethe, den der Rittmeister so verächtlich abthut, schätzt er hoch. Geuusz in allen Formen vom guten Essen bis zur reinen ästhetischen Freude au schauen Menscheu und Werken ist des Phhsikns Parole, und darum lacht er über den „blechernen" Rittmeister, den Don Qnixote der Pflicht. Auch des Phhsikus Art zu reden und zu denken ist eine gnuz andre- der Rittmeister schaut immer hinaus, kennt sich selber ebenso wenig wie die andern Menschen, für die er mit seinem flammenden Herzen sich zu opfern bereit ist; Guggelmann denkt immerfort über sich selbst nnd an sich selbst, er ist eynisch, ein Selbstverächter, aber klug, scharfsinnig nnd scharfäugig; Jagetcufel hat keinen Tropfen Humor, Guggel- manns Rede ist eine fortwährende Selbstironie, als Philosoph ist er natürlich dem Rittmeister weitaus überlegen. Beide beteiligen sich an dem Schmuggel, den Napoleons Kontinentalsperre hervorgerufen hat; aber der Rittmeister will Waffen, der Phhsikns Kaffee und Kolonialwaren einschmuggeln. Aber trotz aller zersetzenden Kritik, die dieser am Altpreußen übt, kann er doch nicht — da er doch in Wahrheit ein ehrlicher und guter Mensch ist — sich einer widerwilligen uud nneingestandenen Bewunderung des Rittmeisters erwehren, nnd er gäbe sein Leben dafür, wenn er dem verhaßten Wolkengängcr einmal eine recht ausgiebige Lektion erteilen könnte, damit er zur Erkenntnis käme, wie schwach der Wille sei, den er so gewaltsam in das Joch des kategorischen Imperativs spannt.
Und damit sind wir bei der Haupthandlung des Romans angelangt. Der Phhsikus erteilt dem Rittmeister eine Lektion, der heißblütige, voreilige Dickkopf geht leicht in die Falle, die ihm der Fuchs legt. Aber wie er sich dabei benimmt, das ist das Merkwürdige. Die Dichtung ist so schön angelegt, daß wir doch ein Wort darüber sagen müssen. Die ganze Handlung ist aus den engen Zeitraum von drei Tagen zusammengedrängt; die Vorgeschichte jeder einzelnen Gestalt — es sind noch als Hauptfiguren drei Frauen nnd drei Männer beteiligt —, wird gelegentlich in den langen (allzulangen!) Gesprächen mitgeteilt. Der erste Band ist ausschließlich Exposition der Handlung und der Charaktere; da lernen wir in drastischen Szenen die selbst- nnd menscheu- guülerische Begeisterung des Rittmeisters für deu kategorischen Imperativ in all ihrer gutgesinnten Narretei kennen. Im zweiten Bande sehen wir den Rittmeister sich in ein wirkliches Unrecht verstricken, wir sehen ihn in der eigensiuuigcu Rechthaberei mit seinem eignen vielgerühmten Grundsatz nicht in philosophischer Folgerichtigkeit, sondern schlechtweg in Willkür Hantiren, sodaß