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Der Eindruck von Kunst und Wirklichkeit
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608 Der Eindruck von Umist und Wirklichkeit

Forderungen und Dogmen, nicht nm Wert oder Unwert gewisser Knnst- richtuugeu soll sichs hier handeln, sondern lediglich nm die Frage: Kann ein Kunstwerk genau denselben Gesamteindruck hervorrufen, kaun es genau dieselbe Wirkungskraft entfalten wie die entsprechende Wirklichkeit? Diese Vor­frage ausschließlich soll, nicht nach ästhetischen Grundsätzen, sondern auf Grund einfacher Psychologischer Thatsachen erörtert werden.

Jedes Kunstwerk bietet uns direkt Vorstellungen, indirekt Gefühle, die an diesen Vorstellungen haften. Es dürfte wohl kaum Widerspruch hervorrufen, wenn ich als den nächsten Zweck aller Kunst und als die Voraussetzung jedes ästhetischen Genusses überhaupt die Erregung einer bedeutenden Gefühls­reihe bezeichne. Die Vorstellungen sind das Mittel, um ein reiches Spiel unter einander zusammenhängender, auf- uud abwogeuder Gefühle zu erzeugen. Die hieran sich knüpfenden Fragen, ob diese Gefühlsreihe einen näher zn bestim­menden gesetzmäßigen Verlauf uehmeu müsse, ob sie stets harmonisch und lust- vvll oder doch versöhnend auszukliugeu habe, welchen weitern Zweck sie selbst verfolge u. f. f., lasse ich völlig unerörtert. Ausdrücklich betonen möchte ich nur, daß unterGefühlen" im Folgenden alle erregten Gefühle, nicht etwa nur die sogenannteuästhetischen" Gefühle zn verstehen seien, wornnter man gewöhnlich lediglich die Lust au Sinnesempfindnngen, harmvnischeu Tonfolgen, zusammenstimmenden Farben, schwungvollen Linien, gefälligen Teilverhältnissen u. s. f. begreift. Ich leugne nicht, daß schöne Linien und fein gestimmte Farben nicht nur bei persischen Teppichen, sondern auch bei Gemälden eine Rolle spielen, daß ein klangvolles Organ nnd edle Bewegungen auch bei den Darstelluugeu von Bühuenwerkeu in Betracht kommen können; aber viel wich­tiger für den höhern ästhetische» Genuß sind die sogenanntenmoralischen" undintellektuellen" Gefühle, also etwa Mitfreude und Mitleid, Furcht, Span­nung, Haß, sittliche Billigung und Mißbilligung, geschlechtliche Erregung, religiöse Erbauung; oder jene Gefühle, die selbst erst aus einer Reihe der ge­nannten Gefühle als Endergebnis hervorgehen, wie der Befreiuug, Versöhuuug, Erhebung. Spreche ich also bei der Erwäguug der seelischen Wirkung eines Kunstwerkes von Gefühlen, so meine ich die Gesamtheit aller erregten Gefühle, mögen sie nach landläufiger Auffassung einen ästhetischen Wert haben oder nicht.

Nach diesen Vorbemerkungen kann ich uuu die zu behaudelude Frage so stellen: Wird ein Kunstwerk, wenn es genau dieselben Vorstelluugeu erzeugt, auch genau dieselben Gefühle in uns erregen wie die der entsprechenden Wirklichkeit?

Es liegt ans der Hand, daß die Beantwortung dieser Frage nur dann einer anschauliche» Kontrolle unterzogen werden kann, weuu es sich um eine Kopie wirklich seiender und zugänglicher Dinge oder wirklich geschehener sicht­barer Ereignisse handelt. Bei frei erfundenen Kunstwerken muß die Frage bedingt gestellt werden: Würden wir denselben Eindruck davontragen, wenn wir die dem Kuiistwerk entsprechende Wirklichkeit anch thatsächlich erlebten?