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Zum Schutze der Wahrheit i» der Presse
nicht genug Gewicht auf die Zuverlässigkeit ihrer Nachrichten legen, lassen schon die häusigen Widerrufungen und Berichtigungen erkennen.
Auf einer nvch tiefern Stnfe — vom Standpunkte der Sittlichkeit aus — steht die wissentlich erfolgte Verbreitung unwahrer Nachrichten. Hierher gehören die vielen Erfindungen, die ohne irgend eine thatsächliche Unterlage lediglich zu dem Zwecke gemacht und verbreitet werden, die Zeitung zu füllen und bei der großen Masse des Publikums „interessant" zu machen. Eine feinere, aber deshalb nicht bessere Abart dieser Lügen sind die Nachrichten, die namentlich auf dem Gebiete der Politik und des Parteiwesens in die Welt gesetzt werden und den Zweck haben, Stimmung zu machen oder die Stimmung zu svndiren.
In ihrer häßlichsten Gestalt erscheinen aber diese Fälschungen da, wo sie in gewinnsüchtiger Absicht gemacht werden. Ich denke hierbei namentlich an die falschen Nachrichten, die zur Beeinflussung des .Kurses von Wertpapieren ausgesprengt werden.
All diesen unzähligen Unrichtigkeiten gegenüber bietet das Preßgesetz, abgesehen von den Fällen, wo durch den Inhalt der Druckschrift eine nach den allgemeinen Strafgesetzen strafbare Handlung begründet wird, als Schutzmittel nur die Bestimmung im 11, wonach der Redakteur verpflichtet ist, die Berichtigung einer falschen thatsächlichen Mitteilung auf Verlangen des Beteiligten aufzunehmen.
Allein für die Allgemeinheit ist mit dieser Vorschrift nicht viel geholfen. Denn es wird doch verhältnismäßig selten davon Gebranch gemacht, was Wohl damit zusammenhängt, daß in vielen Fällen ein persönlich bestimmbarer Beteiligter nicht vorhanden ist, oder der vorhandene Beteiligte kein Interesse cm einer die Sache nochmals an die Öffentlichkeit bringenden Berichtigung hat. Überdies erfolgt bei diesem Verfahren die Berichtigung doch immer von einer beteiligten Seite, bietet also auch keine Bürgschaft für volle Wahrheit. Daher hat auch diese Bestimmung leine größere Vorsicht bei der Verbreitung that sächlicher Angaben herbeigeführt.
Und doch wäre mehr Wahrheit auf diesem Gebiet dringend nötig. Zeitungen kommen gegenwärtig fast in aller Hände, und das gedruckte Wort hat auf das Urteil und die Geistesrichtnng des Volkes einen bedeutenden Einfluß. Die Zeitungen sind heutzutage das begehrteste geistige Nahrungsmittel des Volkes. Umso höher ist darum auch die Pflicht aller Volksfreunde, dahin zu wirken, daß diese geistige Nahrung möglichst rein und unverfälscht geboten werde.
Wie soll mm dieses Ziel erreicht werden? Soll die Zensur wieder eingeführt oder die Preßfreiheit wieder aufgehoben werden? Es sei ferne von mir, solchen Maßregeln das Wort zu redeu; denn ich bin ein Freund einer freien und unabhängigen Presse und bin überzeugt, daß jede Beschränkung der