480
Litteratur
Daher die Redensart. Daß die Hunde unter dem Ofen lagen, kam nicht leicht vor. Denn wenn auch die alten Holzöfen oft Miste hatten, so waren diese doch nicht fehr hoch; und einem Köter, der sich unter den Ofen gelegt hatte, würde das Feuer dicht auf den Rücken gebrannt haben. Das kann selbst ein Hund nicht vertragen.
Jedenfalls zeigen die Varianten in der Redeweise, daß es dem Sprachgeiste nicht widerstrebt, sich das Verhältnis des Hundes zum Ofen verschieden gestaltet zn denken. Auch so viel scheint nns sicher, daß man mit der Erhebung eines Streites darüber einen Hund weder vom, noch aus dem, noch hinterm Ofen hervor lockt.
Litteratur
Leben und Walten der Liebe. Von Sören Kierkegaard. Aus dem Dänischen übersetzt von Albert Dorner, Pfarrer. Zwei Teile in einem Bande. Leipzig, Fr. Richter, 1890
Wenn jemand etwas Phänomenales, ganz Originelles, in nnsrer Zeit wirklich noch nicht Dagewesenes lesen will, so greife er nach den Büchern Kierkegaards. Oder findet man irgendwo sonst Bücher, in denen der Persönliche Gott, dessen Daseinsunmöglichkeit ja seit hundert Jahren fast von allen Philosophen bewiesen wird, den Mittelpunkt bildet, und deren philosophisch gebildeter Verfasser das Christentum gerade so Predigt, wie noch hie und da ein Mütterlein in einem von Touristen uoch uicht entdeckten Gebirgswinkel es glaubt? Das Christentum predigt, uicht weil ihn sein Amt nötigt, oder aus Gewohnheit, oder aus Furcht vor den Sozialdemokraten, sondern aus Herzensdrang und weils ihm sein Genüssen befiehlt? Anch wer es nicht zn Kierkegaards lebendigem Glauben bringt, wird, wenn er ihn liest, ehrfurchtsvoll sagen: Das ist ein wunderbarer Mensch nnd ein ganzer Mann! In dem vorliegenden Buche tritt sein Grnndcharakterzug, die Traurigkeit, nicht so grell hervor; ist doch auch der Gegeustand heiterer. Freilich, wer eine süßliche Liebcspredigt im Geschmack des vorigen Jahrhunderts erwartet, der wird das, ums er zu lesen bekommt, nicht sehr heiter finden. So scharf wie möglich setzt Kierkegaard der natürlichen Liebe, die selbstsüchtige Vorliebe sei, die selbstverleugnende christliche Nächstenliebe entgegen, die keinen einzigen ausschließt. „Wir wissen sehr gut, wo in unsrer Zeit das Unglück steckt: in den tändelnden nnd einschmeichelnden Svnulagsreden, dnrch die man das Christentum in eine Sinnestäuschung und uus Christcu in die Einbildung hineingeuarrt hat, wir seien auch so Christen. Als das Christentum in die Welt kam, brauchte es uicht (obgleich es das that) darauf aufmerksam zu machen, daß es der menschlichen Vernunft widerstrebte; denn das eutdeckte die Welt leicht genug. Jetzt aber, wo ein gefallenes Christentum mit der Vernunft eine Ehe eingegangen hat, jetzt muß das Christentum vor allem selbst auf deu Anstoß Acht haben. Nur die Möglichkeit des Ärgernisses (das Gegengift gegen den Schlaftrunk der Apologetik) ist imstande, den in Schlaf versunkenen zu wecken, den Verzauberten zurückzurufen, svdaß das Christentum wieder es selbst wird." Kann es in unsrer Zeit etwas Originelleres geben, als die Bezeichnung Gift für die christliche Apologetik im Munde eines aufrichtigen Christen?
Für die Redaktion verantwortlich: Johannes Grnnow in Leipzig Verlag von Fr. Wilh. Grnnow in Leipzig — Druck von Carl Marquart in Leipzig