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Im Jahre 2000
ohne Zweifel geistreichen Einfall keine poetische Ausführung gegeben hat. Wir erfahren wohl, daß sich Julian West in einer erlösten Welt und seinem völlig veränderten Leben wiederfindet, wir werden mit den Grnndzügeu, dem „System" der neuen Weltordnung bekannt gemacht, werden unterrichtet, daß das Boston des zwanzigsten Jahrhunderts mit seinen öffentlichen Gebäuden, seinen luxuriösen Gesamteinrichtungen eine Prachtstadt sei, der gegenüber das Boston von heute als eiue Dreckstadt erscheint, wir sehen, daß mau sich unr in seinen Lehnstuhl zu setzen und einen Telephonknopf zn drücken braucht, nm das allsgezeichnetste Konzert und die beste Predigt zu hören, aber es wird, von einigen verhältnismäßig unwesentlichen Einzelheiten abgesehen, kein Versuch gemacht, den wunderlichen Traum in Leben umzuwandeln. Wir lernen keine Meuschen des zwanzigsten Jahrhunderts kennen, als eben den Dr. Leete, dessen Frau ulid seine Tochter Edith, in dereu Hause Julian West erwacht. Es wird uns weder das Arbeitsleben noch das Genußleben einer großen Stadt der Zukunft in deutlichen Bildern vorgeführt. Obschvn es der Grundgedanke des Verfassers ist, darzustellen, daß die neue Weltordnung das Leben keineswegs in ein großes Nationalzuchthans verwandelt und alle Besonderheiten des Temperaments, der Begabung, der Lebensauffassung und des Geschmacks verwischt habe, so hat er die naheliegende Aufgabe nicht ergriffen, uns gesellschaftliche Grnppen, Individualitäten, verschiedne und doch vom. Hauche einer neuen Weltanschauung beseelte Menschen der Zukunft vorzuführen. Nach der theoretischen Seite hin sind die Erörterungen Doktor Leetes und die Belehrungen, die er Julian West zu Teil werde« läßt, freilich ein gewaltiger Fortschritt über die Schilderung der sozialistischen Kaserne hinaus, die Eugeu Sue schon 1846 seinem Sensationsroman „Der ewige Jude" einverleibt hatte. Aber in der Hauptsache, in der Belebung und Beseelung des Einzelnen, in der Wiedergabe glaubhafter, lebendiger Mannichfaltigkeit steht Bellamys Fiktion nicht hoher, der Verfasser hat sich mit Andeutungen begnügt, weil Ausführungen über einen gewissen Punkt hinaus eben unmöglich waren. Die Voraussetzung, aus der die Prophetien des Bellamyschen Buches, wie die Kritik, die es an unsern Gesellschaftszuständen übt, hervorgehen, ist die einer unbedingten Vervvllkvmmuungsfähigkeit der Menschheit. „Im neunzehnten Jahrhundert" — sagt durch das verbesserte Telephon hörbar der sehr ehrwürdige Herr Bartou iu der Predigt, die an die wundersame Auferstehung des Herrn Julian West anknüpft — herrschte traurige Hoffnungslosigkeit, tiefe Verzweiflung nn der Zukunft der Menschheit; unser Zeitalter wird von einer begeisterten Wertschätzung der Annehmlichkeiten unsers gegenwärtigen Daseins und der unbegrenzten Kräfte der menschlichen Natur beseelt. Die von Geschlecht zu Geschlecht zunehmende körperliche, geistige und sittliche Besserung der Menschheit wird als der eine große Gegenstand erkannt, welcher aller Anstrengungen und Opfer in: höchsten Grade wert ist. Wir glauben, daß das Volk zum erstenmale