Maßgebliches und Unmaßgebliches 577
und Schwester zu sein uud durch deu einfachen Spruch: Vucli mi xo dagn br!rt (sei mir Bruder iu Gott) oder Lnäi mi xo bogn i-ostra (sei mir Schwester in Gott) verbinden sie sich zu einem lebenslänglichen heiligen Bunde. Während die Wahlbrnderschaft in ihre» Äußerungen nichts andres als ein Frcundes- bttndnis ist, erscheint uns der Bund zwischen einem Manne und einem Weibe, die Wahlschlvesterschaft. ziemlich fremdartig. Der xodr-Mni sorgt für seine pvssstring. genau so, als ob er ihr leiblicher Bruder wäre, er läßt ihr seine ganze Liebe und Fürsorge angedeihen, ohne sie je zum Weibe zu begehren, und selbst die nationale Kirche verbietet ihre Vereinigung.
Berichtigung Jusvlge verspäteten Eintreffens der Korrektur sind in der ersten Hälfte dieses Aufsatzes einige Druckfehler stehen geblieben. Seite 528 lies Landeskeuntnisse statt Handel skenntnisse, S. K2S und S. SS2 Dobrnjnk statt Dolanjak, S. 530 M00 statt 1800, S, Wt Begs statt Betis.
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Gottfried Kellers Werte. Gottfried Keller hat im Sommer dieses Jahres seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert und zugleich die erste Gesamtausgabe seiner poetischen Werke veröffentlicht. So weite Verbreitung und allgemeine Würdigung die Schöpfungen des deutsch-schweizerischen Dichters im letzten Jahrzehnt gewonnen haben, so ist doch zu hoffen, daß die zehn Bände der „Gesammelten Werke" (Berlin, Wilhelm Hertz) noch weit größern Kreisen des gebildeten deutschen Publikums die Augen über die Bedeutnug und Eigenart des Dichters öffnen, die Meinung, die sich unter schweren Kämpfen und unglaublichen Widerständen gebildet hat, befestigen und vertiefen werden. Wir dürfen uns in der deutschen Litteratur der Gegenwart kaum einer Erscheinung rühmen, die an Nrsprüuglichkeit der Begabung, an Frische und Stärke namentlich des HnmorS mit Gottfried Keller verglichen werden kann, wir haben nur wenige Dichter und Schriftsteller aufzuweiseu, die se künstlerisch ernst, so unbeirrt von dem Kunbengeschrei nach Weltumwälzung und großen Epochen, so schöpferisch neu und doch in so guten: Einklang mit der große» Entwicklung unsrer Litteratur uud ihreu unvergänglichen Geistern ihren Pfad verfolgt haben. Selbst wo der höchste und strengste kritische Maßstab angelegt wird, muß man einräumen, daß der schweizerische Lyriker und Erzähler Einzelnes geschaffen habe, was dieses und das nächste Jahrhundert überdauern wird, ja erst bei einer völligen Wandlung der gegenwärtig gcsprochnen nnd geschriebnen deutscheu Sprache iu deu Hintergrund treten kann. Einer Begabung und künstlerischen Reife wie der Kellers wird keiner das Recht zur Sammlung ihrer Schöpfungen nnd Versuche absprechen; jeder wird mit nns wünschen, daß die Zahl der Genießenden Grenzboten IV 1389 7?