Beitrag 
Einst und Jetzt : Betrachtungen bei Gelegenheit der Münchener Jahresausstellung
Seite
237
Einzelbild herunterladen
 

Junge Liebe

237

wichtigen Zwecke in das Buch einzutragen, das der Standesbeamte mit ge­schäftiger Miene ihr vorlegt, mau sieht die Gedanken der Alten darüber auf ihren Gesichtern ausgeprägt, man sieht, daß die Mädchen sich über den Vor­gang etwas zuraunen, nud versteht, was sie meiueu, man sieht den jungen Burschen sie lächelnd betrachte» und wünschen, auch bald so weit zu sein, und eine von diesen da wäre ihm gerade recht. Wem ist damit gedient, wenn man einen Gegenstand so genau wie möglich abmalt? Sich mit dem Ruhm be­gnügen, ihn staunenswert getreu wiedergegeben zu haben, ist wahrlich klein gedacht. Die geistige, nicht die mechanische Arbeit ist an einem Bilde das wahrhaft Künstlerische. Die Form ist nur für den Inhalt da, und ihn in ein möglichst geistreiches oder schönes Gewand zu kleiden, ist ihre Aufgabe. Der Künstler soll gleichzeitig cm Dichter sein. Wohl kann man auch mit der Form nnd nicht nur mit dem geistigen Gehalt dichten. Dichtung der Form ist die Kom­position in den bildenden Künsten. Aber das vergesse man nie, die Naturformen müssen die Grundlage bilden, die muß mau schön oder geistreich zusammenstellen, nicht neue, widernatürliche Formen aufsuchen; dabei kommt man zn solchen Ab­surditäten wie Böckliu, der auf diese Weise vielen die Freude an seinem großen Talent beschneidet.

(Schluß folgt)

Junge Liebe

Idyll von Henrik Pontoppidan Aus dem Dänische» übersetzt von Mathilde Mann (Fortsetzung)

ie Kanuner lag im entgegengesetzten Ende des Hauses nnd war ein kleinerer, länglicher Raum mit einem Fenster nach der Schlucht hinaus und einer alten Giebelthür, die in früherm Zeiten als Eingang für die Fährleute benutzt worden, aber jetzt durch jeine Eiseustange verschlossen war. Neben dieser Thür stand das Bett; den übrigeil Hausrat bildeten ein Tisch und ein dreibeiniger Stuhl. Die Wände waren von rohem Lehnt ebenso wie der Fußboden, iu dessen Fläche die Feuchtigkeit uud langjähriger Gebrauch große Vertiefungen gebildet hatten; aber dessenungeachtet sah es hier im Gegensatz zu dem übrigen Teile des Hanses ganz sauber uud ordentlich, ja beinahe gemütlich ans.