Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
476
Einzelbild herunterladen
 

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Zur Gewissensfreiheit in Rußland. Die nissische Geschichte bietet seit Peter dem Grossen abwechselnd das Schanspiel des Strebens nach Aufnahme west­licher Bildung und des Abstvszens derselben unter stärkster Hervorhebung des Nlt- rnsseutums. Augenblicklich steht Rußland unter dein Zeichen der letztern Richtung, und dies haben namentlich die Deutschen in den Ostseeprovinzc» zu büßen, die in politischer, sprachlicher uud kirchlicher Hinsicht den ärgsten Bedrückuugeu ausgesetzt sind. Es ist ein trauriges Bild, das sich uns da entrollt, umso trauriger, als »us jede Möglichkeit fehlt, zu helfeu. Aber es ist doch unsre Pflicht, diesen Kampf und seine Ursachen gründlich kennen zu lernen; denn dies lehrt nus am bestell, wohin das heutige Rußland steuert. Eiu. ausgezeichnetes Hilfsmittel dazu bietet uns eine kürzlich erschienene Schrift von Hermann Daltou: Offenes Send­schreiben nn den Oberprokureu r des russischen SynodS Herrn Wirkliche» Geheimrat Kvnstautiu Pvpedouoszeff. (Leipzig, Duncker K Humblot, 1889.) Niemand ist wohl so befähigt wie Dalton, die genaueste Schilderung der einschlagende» Ver­hältnisse zu gebe», da er seit mehr als eiueui Vierteljahrhuudert in Petersburg als Geistlicher thätig ist uud vermöge seines Verkehrs mit den hervorragendste» Kreise» der russischen Hauptstadt die russische» Zustäude grtmdlich keimt, wie er dies schvu i» verschiedueu wertvollen Schriften gezeigt hat; er ist aber auch um deswillen besonders bernfe», ei»e Darstellung des jetzige» Kampfes zu gebeu, iveil dieser Kampf sich gegen die baltische» Lutheraner richtet, Dalton aber der reformirten Kirche augehört uud Deutscher vvu Geburt ist, also uicht nnmiltelbar in den Kampf verwickelt ist.

Die Veranlassung zu Daltons Schrift ergab sich daraus, daß infolge der den Bewohner» der Ostseeproviuzen gegenüber beliebte» Maßnahme» die Vertreter der evangelischen ''Allianz in der Schweiz au deu Kaiser von Rußland ei» Gesuch um Gewährung von Gewissensfreiheit für Rußland gerichtet hatten, auf das im Auftrage des Kaisers der Oberprvkureur des Shnods, Wirklicher Geheimrat Kou- stautiu Popedouoszeff, eine höchst merkviirdige nnd überraschende Erwiderung ver­öffentlichte. Dieser Erwiderung tritt nun Dalton entgegen.

Wir ersehen aus der Schrift vor allem, daß der Kampf gegen die Ostsee­proviuzeu als eiu Kampf gegen die westliche Bildung anfznfasseu ist, zu dessen Führung alle Mittel für gerecht erachtet werde», und in dein allmählich jeder Halt verloren gegangen ist. Entstammt hat diesen Kampf der für sein russisches Vater­land gewaltig, wen» auch oft sehr einseitig begeisterte Katkow, kurz nachdem eS ihm 1864 geglückt war, deu tiefgesnnkeneu Mut seiuer VotkSgeuosseu gegen die aufsläudischen Polen erfolgreich aufzurufen. ES waren damals bereits Streitigkeiten ausgebrocheu zwischen den Altrussen unter Golowiu und deu Deutscheu in Livlcmd, die für ihre kirchlichem uud politischeu Sonderrechte eintraten; Kaiser Alexander II. hatte infolge einer ihm vorgelegten Denkschrift des Fürsten Panl Licven den Grafen Bobrinsky^ der zwei Jahre darauf Minister wurde, als Vertrauensmann noch Livlaud geschickt. Dessen Bericht verurteilte die altrussische Propaganda uud stellte sich auf Seite», der nngegriffeuen Provinz. Mau wußte, daß Alexander II. die Angelegenheit endgiltig entscheide» wolle, nnd sah bei seinem Gerechtigkeitsgefühl