Maßgebliches und Unmaßgebliches
Sächsische Reiseeindrücke. Wenn man dns Königreich Sachsen bereist, so erfreut man sich nicht nnr an den reichen Gaben, die die Natur dem Lande geschenkt hat, und an den Leistungen vergangener Zeiten ans den Gebieten von Kunst und Wissenschaft, man freut sich auch über die kernige Natur des Vvlksstcimmes, der es verstanden hat, trotz allem, was er über anderthalb Jahrhunderte hat leisten und nnshalten müssen, sich auf eiuer solchen Höhe des Wohlstandes, nnd Knnst, Wissenschaft nnd Gewerbe in einer solchen Blüte zu erhalten. Aber einS stört jeden Nichtsachseiu die Liebhaberei, immer noch die Erinnernngen an die Zeiten zu Pflegen, wo Sachsen gegen die vom Schicksal vorgeschriebene, vom deutschen Volke ersehnte Entwicklung Deutschlands kämpfte, namentlich die Erinnerungen aus der napoleonischen Zeit. Überall wird dem Fremden gezeigt, dns; unter diesem Baume, bei jenem Steine u. s. w. bei dieser oder jener Gelegenheit Napoleon gehalten, daß er da und dort Schanzen gegen die Verbündeten errichtet habe u. dgl. Auf dem Königstein wird gezeigt, wie weit man die Preußen 1866 habe herankommen lassen, Von welchem Banme aus man sie zurückgescheucht habe. Daß vorzugsweise solche Erinnerungen gepflegt werden, ist nm so auffallender, als sich gerade das sächsische Volk durch seine nationale Gesinnung auszeichnet, und wenn auch uiemaud verlangen wird, daß dem Fremden vom Königstein ans die Stelle des sächsischen LagerS von 1756 gezeigt wird, so könnte man doch die andern genannten Angabeil gelrost dein Spezialfvrscher vorbehalten, dem gewöhnlichen Reisenden aber mehr Erinnernngen an Dinge, die alle Deutschen einen, uud an denen Sachsen ja auch so reich ist, bieten. Möchten doch diese Zeilen dazu beitragen, in dieser Beziehung Wandel zu schaffen; mancher, der das schöne Sachsenland mit Freuden bereiste, hat nn der hervorragenden Pflege der erwähnten Erinnernngen Anstoß genommen.
Gottfried Kellers Anfänge. In vielen Aufsätzen, zn denen Kellers Geburtstag den Anstoß gegeben hatte, war die Meinung ausgesprochen, er sei mit seiner in Heidelberg erschienenen Gedichtsammlung zum erstenmale vor die Öffentlichkeit getreten. Dies ist ein Irrtum. Ein in den vierziger Jahren an der Züricher Hochschule angestellter Professor erinnert sich, daß — es muß 1844 gewesen sein - eines Tages zu ihm ein offenbar iu den bescheidensten Verhältnissen lebender jnnger Manu mit der Bitte um eiue Empfehlung an Angnst Follcn kam. Füllen stand damals mit Julius Fröbel au der Spitze des Litterarischen Kontors in Zürich und Winterthur, das Herweghs „Gedichte eines Lebendigen" nnd „Einundzwanzig Bogeu aus der Schweiz" und allerlei andre Zeusnrflüchtlinge herausgegeben hatte; auch jener Jüngling wünschte ein Heftchen Gedichte anzubringen. Follen übernahm das Manuskript mit Mißtranen, erkannte aber sofort das ungewöhnliche Talent. Die Gedichte, darunter viele der schönsten, frischesten, die die neue Berliner Ausgabe enthält, wurden unter den: Titel „Lieder eines Autodidakten (Gottfried Keller von Glcittfelden bei Zürich)" iu dem ersten Jahrgange des „Deutschen Taschenbuches," Zürich 1845, abgedruckt, aber wenig beachtet. Mau war damals die Tendeuzpoesie