Beitrag 
Gottfried Keller : zu seinem siebzigsten Geburtstage
Seite
128
Einzelbild herunterladen
 

Gottfried Keller

Zu seinem siebzigsten Geburtstage

uch die siebzigsten Geburtstage folgen sich, aber sie gleichen sich nicht. Das Gefühl, wvmit das ganze gebildete Dentschland den siebzigsten Geburtstag des Züricher Meisters feiert,*) findet seines­gleichen nicht uuter den Dichterjubiläen, die in der letzten Zeit rasch auf einander gefolgt sind. Es haftet so gar nichts Persönliches an dieser Feier Gottfried Kellers. Man glaubt nicht, dem Dichter persönlich eine besondre Frcnde damit zu gewähren, man hat nicht das unangenehme Nebengefühl, einen Mann zn feiern, der seinen Ruhin überlebt hat, dessen Bedeutung man dem jüugeru Geschlecht ius Lebeu rufen muß. Im Gegenteil, der siebzigjährige Keller ist litterarisch eigentlich noch gar nicht alt geworden, seine Anerkennung hat kaum die Kreise stiller Gemeinden überschritten, nnd man fühlt die Pflicht, sich laut uud sichtbar zu ihm zu bekennen und gut zu machen, was die frühere Zeit an ihm versäumt hat. Denn wie so viele der großen Geister der Litteratur hat auch er lauge warten müsse», bis sein wahrer Wert erkannt wurde, die kritische Propaganda, die die besten seiner Zeitgenossen schon frühzeitig für ihn betrieben haben, war vergeblich. Nun ist es zum Kennzeichen jedes Gebildeten geworden, Keller wenigstens in seinen Novellen zu verstehen und zu lieben, nnn will man die Ehrenschuld abtragen, und empfindet darüber selbst mehr Freude, als sie der geduldige Gläubiger fühlen kaitu. Man ehrt sich selbst, indem man an der Feier teilnimmt, mau ehrt die Kunst, indem man Kellers Dichtungen feiert, und man gewinnt das erhebende Gefühl, daß die Zeit, in der wir leben, denn doch auch dichterisch ihren eignen Ausdruck gefunden hat, denn sie hat in Kellers Werken ein Denkmal gefunden, von dem nicht mehr geringschätzig wird gesagt werden dürfen: Epigonenarbeit!

In einer der Züricher Novellen, einer, die zu Kellers schönstem Erfindungen gehört und die alle Charakterzüge seiner Originalität aufweist, wenn sie auch künstlerisch nicht so vollendet wie seine berühmte einzige Dorfgeschichte ist, im

*) Geboren den, Juli 1A,9.