Litteratur
Rnßland, seine Hilfs- und Machtmittel. Bon Viktvr Frank. Paderborn,
F. Schöningh, 1838
Wns man nicht alles behaupten und zn beweisen versuchen kann, wenn man die Dinge mit der Parteibrille ansieht und dann nach der Vergrößerung oder Verkleinerung, die diese, je nachdem man sie ausseht, immer zweckdienlich, niemals wahr, hervorbringt, geltend zu machen oder, wie die Börsenjnden es ausdrücken, zu frnkti- fizircn bemüht ist! Auch wir sind der Meinung, daß nnser Nachbar in vielen Beziehungen nicht so stark sei, als er aussieht, nnd daß er mancherlei Mängel und Untugenden bedenklicher Art habe. Aber eine solche Menge von Übertreibungen derselben, wie sie hier zusammengetragen wird, ist uns noch nicht vorgekommen, sie geht, wie man zu sagen Pflegt, über die Hutschnur. Die „Unmoralität wegen Unwirksamkeit der Religion," die der Verfasser den Russen vorwirft, die Behauptungen, es sei bei ihnen kein gebildeter Mittelstand vorhanden , keine Achtung vor der Armee, kein Vertrauen ans die Kriegsleitung, keine Kindererziehung, die Stnats- finanzen seieu zerrüttet, der Bauer leide au der Brnnntweinpcst, er habe kein Nechts- bcwußtsein, die Gemeindeverwaltung, das Schulwesen, die Gesundheitspflege, der Wegeban auf dem Lande lägen im Argen, die Laudschaftsverwaltung sei bankerott, der Großgrundbesitz rninirt, kann man bis zn einem gewissen Grade zugebe», wenn man an die eigentlichen Russen denkt nnd von den baltischen Provinzen nnd den polnischen Teilen des Reiches absieht, wo es in den erster» durchaus und in den letztern wenigstens in vielen Puukten besser steht, als hier angenommen wird. Auch die Ansicht des Verfassers, es mangle dem Volke an Achtung vor der Armee uud an Vertrauen znr Kriegsleitung, sowie die, daß die Staatsfinanzen zerrüttet seien, trifft im allgemeinen wohl zn. Aber wenn uns Herr Frank glanben machen null, die letztern seien unverbesserlich, so ist das einfach Unsinn, da sie früher besser waren und bei den Mitteln nnd Hilfsquellen des Staates dnrch verständige Maßregeln uud namentlich durch Vermeidung frivoler Kriege wieder auf ihren günstigen Stand zurückgebracht werden können. Den Ergebnissen der Statistik ins Gesicht schlagen, heißt es, wenn nnsre Schrift von einem Rückgänge der Volksmenge »nd von einem Darniederliegen des Handels uud der Industrie spricht, das Gegenteil davon ist die Wahrheit. Stark einzuschränken ist ferner die Behauptung, es gebe in Rußland keinen gebildeten uud unabhängigen Adel. Mit der Unabhängigkeit ist es allerdings nicht weit her, aber die Bildung ist zunächst dem knr-, liv- uud esthläudischen Adel gewiß nicht abzusprechen., vielmehr steht er in diesem Betracht auf gleicher Höhe wie der unsre, und was die russische Aristokratie betrifft, so mag die vorwiegend französische Bildung, oder sagen wir die halb französische, halb moskowitische, uns wenig Achtung einflößen, aber sie hat doch Dichter wie Puschkin, Tnr- geniew, Tolstoi) nnd Dostojewski) sowie manchen ans anderm Gebiete ausgezeichneten Mann hervorgebracht, dem wir, wenn er auch wie jeue Poeten nicht zu den Größen ersten Ranges gehört, ein ungewöhnliches Maß von Achtnng nicht versagen dürfen. Woher mm diese grobe Nnterschiitznng Rußlands, woher das Bestreben, das, was