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Litteratur
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weiter auszudehnen, nls er sie belegen kann. Wer aber nicht streng deuten gelernt hat, der verfährt manchmal anders: er hilft sich mit lückenhaften Schlüssen über die Mängel seiner Erkenntnis hinweg uud kommt auf diese Weise zu Scheintheorien, die die Gesamtheit der Naturerscheinungen in einer für ihn höchst befriedigenden Weise umfassen. Dabei gerät er selbstverständlich hie uud da mit den herrschenden Ansichten der Gelehrten in Widerspruch, uud hilft sich wieder auf sehr einfache Weise, indem er die Lehren der Fachmänner mißversteht uud sie, nachdem er ihnen eine falsche Auslegung gegeben hat, für Unsinn erklärt. Wir haben in zwanzig­jähriger Praxis schon eine ziemliche Anzahl derartiger Köpfe kennen gelernt. Der Entwicklungsgang ist fast immer derselbe. Eiu Mann, der sich meist von meta­physischen Gesichtspunkten auS lebhaft für naturwissenschaftliche Dinge interessirt, erwirbt allerlei unscharfe Keuutuisse, in der Regel zum Teil aus populären Schriften. Er versucht sie in Zusammenhang zu bringen und stellt sich zu diesem Zwecke eine Thevrie auf. Er vertieft dann seine Einzelkenntnisse durch Privatstudium wissen­schaftlicher Werke, gelangt aber nicht zu vollem Verständnis ihres Inhalts. Er schließt demgemäß, daß die herrschenden Theorien unrichtig sein müssen, kämpft öffentlich gegen sie an und stellt ihnen seine eigene Auffassung gegenüber. Rezen­senten, die selbst nicht Fachmänner sind, begutachten ihn, übersehen die Mängel seiner Deduktion uud erklären seiue Leistung für höchst beachtenswert. Er versucht dciuu, sich in den eigentlich fachmännischen Kreisen geltend zu machen, findet aber kühle Ablehnung. Der wirkliche Sachkenner entdeckt auf den erfreu Seiten seiner Schriften so viele Fehler und Mißverständnisse, daß er sich nicht entschließen kann, weiter zn lesen, die Fachzeitschriften verweigern die Aufnahme u. s. w. Ergebnis: der gekränkte Verfasser erklärt die Znnftgelehrten für Esel, und das verkannte Genie, der totgeschwiegene Reformator ist fertig.

Unser Verfasser hat alle äußer» Kennzeichen der Klasse. Am Schlüsse seiner Broschüre fiudcn sich die Rezensionen der Nichtfachmänner. Die Blätter für litterarische Unterhaltung bescheinigen ihm ernstes philosophisches Streben nach Wahrheit, die pharmaeeutische Zeitung findet, daß sein Weg der rechte sei, die konservative Zeit­schrift schreibt ihm origiunle und von außerordentlichen Kenntnissengetragene" Anschauuugeu zu u. s. w. In der Vorrede aber beklagt er sich, daß die eigentlichen Fachgelehrten seine Untersuchungen hartnäckig ignvriren. Er hat auch alle iuneru Merkmale der Klasse. Gleich auf der ersten Seite, mit der die eigentliche Aus­einandersetzung begiuut, steht der Beweis, daß der Verfasser die einfachsten Sätze der Mechanik nicht versteht, so deutlich ausgeprägt, daß jeder Physiker, der diese erste Seite gelesen hat, die Schrift sofort achselzuckend beiseite oder in den Papier­korb legen wird.

Da heißt es:Nach der jetzt noch herrschenden Theorie ist die Massenanziehung eine unveränderliche Eigenschaft der Materie und ihre Wirkung bei zwei bestimmten Körperu dem Produkt der Masscu direkt uud dem Quadrate ihres Abstcmdes um­gekehrt proportional. Die Kraft wächst in gleichen Zeiten stets um dieselbe Größe." Dieser Satz:Die Kraft wächst in gleichen Zeiten stets um dieselbe Größe" steht nicht nur in keinem Lehrbuche der Mechanik, er gehört nicht bloß nicht zur herr­schenden Theorie, sondern er beweist, daß Herr Mann nicht weiß, was eine Kraft ist. Für einen Menschen, der klare mechanische Begriffe hat, ist er einfach unver­ständlich. Kraft heißt bei uus das Produkt aus Masse uud Beschleunigung ciues gegebenen Körperteilchcus; die Masse desselben halten wir auf Gruud der Erfahrung für unveränderlich, seine Beschleunigung aber kann sich ganz beliebig ändern; wächst sie, so ist auch die Kraft im Wachsen, nimmt sie ab, so ist auch die Kraft in