Beitrag 
Nationalzeit, örtliche oder Weltzeit?
Seite
317
Einzelbild herunterladen
 

Nationalzeit, örtliche oder Weltzeit?

von L. I- Böttcher

jie Frage, die hier besprochen werden fvll,") scheint auf den ersten Blick mehr vor die Sternwarten oder allenfalls vor die Ham­burger Seewarte zu gehören als vor die Leser dieser Blätter. Aber hoffentlich gelingt es mir, zu zeigen, daß dieser Gegenstand, dem in den letzten Jahren die Regierungen fast aller Länder des Erdballs eine ernste Aufmerksamkeit zugewendet haben (in zwei großen Kongressen in Rom 1883 und in Washington 1884), zwar für die Astronomie, die Geo­graphie und selbst die Geschichte bedeutsam genug ist, daß er aber seine eigentliche und hauptsächliche Wichtigkeit gerade im wirtschaftlichen Volksleben änßert, in Handel und Schifffahrt, Eisenbahnwesen nnd Telegraphie.

Wie die Frage nach der llhrzeit schon in die gewöhnlichsten Fälle unsers Alltagslebens eingreift, dafür diene nnr ein Beispiel. Wir wollen von Leipzig nach Dresden fahren. Räch dein jetzigen Fahrplane fährt hier der schnellste Zttg abends 6 Uhr 15 Minuten ab nnd ist 8 Nhr 24 Minuten in Dresden; er fährt somit 2 Stunden und 9 Minuten. Wollen wir zur Rückfahrt wieder die schnellste Gelegenheit wählen, so bietet sich nur der Zug früh 8 Uhr 37 Minuten, der uns schon 10 Uhr 34 Minuten nach Leipzig zurückbringt, also in 2 Stunden weniger 3 Minuteu. Demnach hätten wir zur Rückfahrt volle 12 Minuten weniger Zeit gebraucht, als zur Hinfahrt. Das wäre ein Zehntel der ganzen Fahrzeit, und mit Recht würde man fragen: Wozu diese sonderbare Ungleichheit hin nnd her?

Nun, es ist bekannt genug, daß diese Ungleichheit in Wahrheit gar nicht besteht. Die Fahrzeit ist beidemal genau dieselbe, nämlich 2 Stunden 3 Minuten, und daß Nur bei der Hinfahrt nach Dresden scheinbar 6 Minuten später an­kommen, bei der Rückfahrt scheinbar K Minuten früher, liegt bloß daran, daß in Dresden eine andre Uhr gilt. Das aber rührt wieder davon her, daß zu nnseru Dresdener Landslenten alle Mvrgen die liebe Sonne 6 Minuten früher kommt als zu uus.

Noch weit auffallender wird dieselbe Erscheinnng beim Zurücklegen längerer Wege nach Ost oder West. Gesetzt, ein Berliner will nach Königsberg fahren.

Nnch einem Vortrage, gehalten in der Gemeinnützigen Gesellschaft in Leipzig am 29. März 1889.