Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
286
Einzelbild herunterladen
 

286

Litteratur

Dies geflissentliche Sichfernhalten von der Berührung mit der Armut und dem Elend ist hauptsächlich mit schuld daran, daß die sozialen Gegensätze hente so schroff und unversöhnlich gewordeu sind.

Eiue der bezeichnendsten Formen moderner Wohlthätigkeit sind aber doch die bekannten Schneeballbriefe, die eine verzweifelte Aehnlichkeit mit der Revolverpresse haben. Wahrlich, als allegorische Figur für die heutige Wohlthätigkeit eignete sich nichts besser, als eine feine Dame in hocheleganter Toilette, an einem ausgesucht geschmackvollen Schreibtische Schneeballbriefe schreibend. Diese gewaltsame Heran­ziehung möglichst großer Massen zu Wohlthätigkeitsäußeruugen hat mit der wahren Mildthätigkeit in der That herzlich wenig mehr gemein, sie ist ein Sport wie andre auch.

Ob das auch wieder einmal anders und besser werden wird? Wir hoffen wenig. Aber das eine sei doch noch gesagt: die Wohlthätigkeits-Bälle, Konzerte, Bazare der vornehmen Welt, die schon ziemlich alt sind, haben den Anfang ge­macht, mit thuen ist die falsche Bahn betreten worden. Wenn jetzt diese Art der Wohlthätigkeit auch in den kleinen Bierkneipen von dem biedern Philister geübt wird, so darf man sich darüber nicht wundern. Er braucht ebenso gut Nahrung für sein moralisches Selbstgefühl wie die feinen Herren und Damen, und billiger kann er sie sich kaum verschaffeu, als mit solchem Wohlthätigkeitssport. Auch mags ja wohl unvermeidlich sein, daß der stolze Baum der Gemeinnützigkeit, der in der Gegenwart seine Weithin schattendcn Zweige, ausbreitet, ein paar wilde Reiser mit treibt. Einmal auf sie hinzuweisen uud sie als das zu bezeichnen, was sie sind, war der Zweck dieser Zeilen.rl>

Litteratur

Über deutsche Volksetymologie von K. G. Andreseu. Fünfte Auflage. Heilbrvnu,

Gebrüder Henumger, 1889

Während sich der gebildete Deutsche pedantisch bemüht, einem Fremdling, der sich in uusern Wortschatz eindrängt, in der Schreibung wie in der Aussprache mit aller Ehrerbietung zu begegnen, und ängstlich daranf bedacht ist, sich ja nicht durch eiue bequemere Behandlung desselben eine Bilduugsblöße zu geben, verführe» unsre Vorfahren und verfährt noch heutzutage der sogeuauute gemeine Mann bei der Aufnahme eines solchen Neulings weit uubefaugeuer, das heißt mit größerer innerer Freiheit, indem er sich das ungewohnte Wort mnnd- und sozusagen sinngerecht machte. Wo der Schulwitz fehlt, hilft der Mutterwitz, und so kommt es, daß ein nicht verstandenes Wort, das man aber das Bedürfnis hat nicht bloß äußerlich anzunehmen, sondern sich innerlich anzueignen, dem vorhaudenen Sprachbesitz wirklich einzuverleiben, derart umgewandelt wird, daß es für das Empfinden des Laien dicht neben ein allbekanntes heimisches Wort zu stehen kommt, an das es sich durch irgend eine Vorstellung natürlich uud leicht anknüpfen läßt. In keiner Sprache, alter wie neuer, fehlt es an dergleichen Umbildungen, und jeues natürliche Bedürfnis, das Unverständliche sich verständlich zu machen, ist eine der