Beitrag 
Eine neue Ethik
Seite
601
Einzelbild herunterladen
 

Grillparzer und seine Jugenddrameit

601

aufgaben eines Menschen, soweit sie von seinem Willen abhängt, beruht." Nein, er kann ein sehr bescheidnes Maß von Eigenschaften dieser Art haben und sehr tief stehen, wir nennen ihn doch gut, wenn er der Gewisfensstimme unbedingt folgt.

So ganz ohne religiöse Erwägungen ist dieser Standpunkt allerdings nicht zu vollenden. Denn wenn die Gewissensethik es nicht zur Aufgabe macheu kann, dem Handeln die Wohlfahrt der Menschheit als Maßstab an die Hand zu geben, so hat sie doch die Überzeugung des religiösen Glaubens in sich, daß die Gewisfensstimme eben deshalb diese schwierige theoretische Erwägung der Zukunft, die nie sichere Auskunft giebt und nur relative Anweisungen erzeugt, entbehren kann, weil die Gottheit an das Gute den Bestand der Welt ge­knüpft hat.

Damit wird das gute Handeln nicht vom religiösen Glauben abhängig, wiewohl es an diesem die kraftigste Stütze hat; aber die Ethik selbst entbehrt der letzten und tiefsten Begründung, wenn sie die verpflichtende Natur des Ethischen nicht an die übersinnliche Welt knüpft.

Grillparzer und seine Iugenddramen

Von Moritz Necker

(Schluß)

M

H

W

ir lesen also in dem zweiten und dritten Ergänzungsbande der Werke Grillparzers mit derselben Teilnahme, mit der wir die Studien­mappe und die jugendlichen Versuche eines großen Malers durch­blättern. Der Reichtum an Plänen, Stilformen und Stoffen ist in der That überraschend. Wir müsfen uns dabei an Mit­teilungen des Dichters erinnern, daß er schon von früher Jugend an ein leiden­schaftlicher Leser, insbesondre einer neunzigbändigen Weltgeschichte, und daß er weit mehr in dieser als im Latein oder in der Mathematik beschlagen gewesen sei. In die Jahre 18071814 füllt die Vollendung der großen Tragödie in fünf AufzügenBlanka von Castilien," die beiuahe so lang ist, wie die drei Dramen des goldncn Vließes zusammen genommen, die Vollendung zweier Lustspiele und der Entwurf von mehr als einem Dutzend großer Dramen. Wir erkennen in allen Stücken die großen Dichter, in deren Banue der jugend­liche Grillparzer jeweilig stand. Er hatte das größte Nachahmungstalent, den Grenzboten I 1889 76