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Litteratur.
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Litteratur.

Der Bau des Flosses bei der Überschwemmung der Landenge, welche die beiden Teile des Eilands mit einander verbindet, der erste Besuch Tedas und Uwes im Hause Walmot Tjemens, der Gang der Kinder über die Matten zu der kleinen Insel, die nur von Möven bewohnt wird, und das Kinderspiel ans diesem Robinson­eilande, der gefährliche Rückweg bei der heranschwellcnden Flut, das erste leise Zer­würfnis zwischen Teda und Freda nach dem Vorzüge, den Uwe der letztem bei diesem Rückwege gegeben, das alles ist mit sichern und feinen Zügen uud mit der vollen poetischen Stimmung wiedergegeben, die Jensen zn Gebote steht. Die leise Schürzung der Fäden ist vortrefflich, die spätere Lösung der Knoten hie und da etwas gewaltsam. Die Uebergänge nicht sowohl der Handlung als vielmehr der psychologischen Entwicklung bekommen gegen den Schluß der Erzählung hin etwas Sprunghaftes. Die äußern Ereignisse steigern den längst dumpf empfundenen leiden­schaftlichen Haß Tedas gegcu Freda in jäher Weise und verhcißlichcn ihren Charakter bis zur Nohheit. Daneben erscheinen die Vorgänge zu gedrängt und nicht mehr in dem Maße überzeugend, wie im Beginn des Romanes. Ein phantastisch aben­teuerliches Element, das gewisse Teile der Handlung mehr wirren Träumen als thatsächlichen Begebnissen gleichen läßt, ein Element übrigens, das beinahe in keinem der größern Romane Jcnsens ganz fehlt, drängt sich auch in die ErzählungNuueu- steiue" hinein. Die gnt erfundene Schlußkatastrophe gelangt nicht zu so anschaulicher Ausgestaltung wie das Frühere, der Dichter fällt iu deu prosaischen Berichtston, über den er sich allerdings wieder in schönen Einzelheiten erhebt. Die Einkleidung des Ganzen in die Begegnung mit Holding Terborg (ehedem Uwe Folmars) und der Kenntnisnahme von dessen Aufzeichnungen hat eben auch nur den Vorteil zum Schlüsse, über manches berichten und Betrachtungen anstellen zu können, was den Gang objektiver Darstellung wesentlich verlängert haben würde. Die Leserwelt, die wenig gewöhnt ist, im Romane ein dichterisches Kunstwerk zu erblicken, die im Grunde nur darnach fragt, ob der Schriftsteller spannend und interessant zu erzählen wisse, wird alle diese Bemerkungen überflüssig finden nnd in ihrem Hunger nach Neuem für das neueste Buch dankbar sein. Aber die Mehrzahl von Jensens Schöpfungen und unter ihnen auch wieder dieRunensteine" haben ein Recht, mit anderm Maßstabe gemessen zu werden.

Zu keinerlei Bedenken, aber auch zu keinem tiefern und bleibenden Eindrucke geben dieVier Weihnachtserzählungen" Anlaß. Sie sind alle ans jener Stimmung der deutschen Volksseele geboren, die an die fröhliche Weihnachtszeit gern das Beste des Lebens: glückliche Schicksalswendungen, versöhnende Begegnungen, heil­same Selbsterkenntnisse und Entschlüsse anknüpft uud im Strahle der Christbaum- kerzcn einen Abglanz göttlichen Lichtes erblickt. Die besten unter ihnen, die echt weihnachtlichen Hauch uud Duft haben, sindEine Weihnachtsfahrt" undEin weißes Haar," Erzählungen, über die der pessimistische Naturalist ein Hohngelächter aufschlagen wird, die aber im Grund und Kern ihrer Empfindung und Erfindung vollkommen lebenswahr und lebenswarm sind. Etwas gespenstig und ein wenig an die verhallte Weise E. T. A. Hoffmanns anklingend ist die SchlußerzählungEine Schachpartie," während die ErzählungDroben im Wald" hart an der Grenze des Möglichen steht. Im Vortrag zeichnen sich alle durch eine liebenswürdige Ein­fachheit aus. Diese Einfachheit ist uns eine Bürgschaft, daß auch in größeren Schöpfungen Jensen sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat.

Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die erste Nummer des neuen Jahrgangs erst am 3. Januar ausgegeben wird, also eine Woche ausfällt.

Für die Redaktion verantwortlich: Johannes Grunow in Leipzig. Verlag von Fr. Will). Grunow in Leipzig. Druck von Carl Marquart in Leipzig.