Halle in der Litteratur.
ie deutsche Litteratur besitzt bei einer fast unübersehbaren Zahl von Werken und Abhandlungen aller Art doch sehr wenig Bücher, in denen der Versuch gemacht ist, das litterarische Leben einzelner Landschaften oder Städte darzustellen. Daß es lohnend genug ist, die Wirkungen der großen geistigen Bewegungen auch auf abgeschlossene kleine Kreise zu schildern und die litterarischen Verhältnisse solcher Orte zu betrachten, die keinen maßgebenden Anteil an der großen Entwicklung genommen haben, hat beispielsweise ein Buch wie Jcmsens „Aus vergangenen Tagen" (Oldenburgs litterarische und gesellschaftliche Zustände 1773—1811 darstellend) bewiesen. Um wie viel günstiger und lockender stellt sich die Aufgabe in solchen Fällen dar, wo ein bedeutender Mittelpunkt litterarischen Lebens, eine Folge hervorragender Erscheinungen zu schildern ist. Die bunte Mannigfaltigkeit der deutschen Lokalverhältnissc, namentlich der starke, ja trotzige Individualismus des deutschen Wesens, treten fürdas vorigen Jahrhundert in der Darstellung litterarischer Entwicklungen und Kämpfe besonders deutlich hervor, und so könnte es einer Litteraturgeschichte auf lokalem Hintergrunde kaum an interessanten Zügen und lebendigen Gestalten fehlen. Vorausgesetzt natürlich, daß der rechte Forscher, der die Mühe des eingehenden Studiums nicht scheut, und der rechte Darsteller, welcher mit lebendiger Teilnahme bis zur lebendigen Anschauung vordringt, sich in einer Person zusammenfinden, wie es einige Male und neuerdings wieder in dem vortrefflichen Buche „Aus Halles Litteraturleben" von Wolde- mar Kawerau*) geschehen ist. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel reichhaltiger und fesselnder der Stoff bei andern Städten sein würde, so läßt sich an den Portraits und Skizzen, die Kawerau aus dem litterarischen Leben der alten Saale- und Salzstadt entwirft, am besten erkennen, was in dieser Richtung noch zu leisten wäre. Einstweilen soll uns das geträumte Bessere das Gute nicht verkümmern. Das Buch Kaweraus verdient nach Inhalt und Form allgemeinere Teilnahme, es sind entschieden interessante Zustände und Gestalten, die für unsre Erinnerung heraufbeschworen werden. Zu drei großen Gruppen „Die Anfänge der Universität", „Pietismus und Nationalismus" und „Aus der Blütezeit des Rationalismus" geordnet, entwirft der Verfasser die mannig-
*) Aus Halles Litteraturleben. Von Woldemar Kawerau. Halle, Max Niemeyer, 1333,