Kuno Fischer über Goethes Iphigenie.
Von Düntzer.
ür die dritte Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft hatte Kuno Fischer den Festvortrag übernommen; er galt einer der am meisten besprochenen und die reinste Wirkung dauernd ausübenden Dichtungen Goethes. Allgemein gespannt war man auf die neuen Gesichtspunkte, die Fischer der „Jphigenie" abgewinnen würde, manche hofften auch wohl auf nene Mitteilungen ans dem Goethearchiv. Aber nicht allein die letztere Erwartung sollte unerfüllt bleiben (das noch Unbekannte wird der Weimarischcn Ausgabe des Stückes zu Gute kommen), der Festvortrag war auch so weit entfernt, den künstlerischen Wert des Dramas zu erleuchten, daß er der herrlichen Dichtnng vielmehr Gewalt anthat und, statt uns den Herzschlag derselben fühlen zu lassen, in ihr inneres Leben einzuführen, von der lebendigen Auffassung durch Winkelzüge ableitete. Ich bin mir der Tragweite dieses scharfen Urteiles über den jetzt in zweiter Auflage als erstes Heft von Fischers „Goetheschriftcn" vorliegenden Festvortrag wohl bewnßt, aber, seit einem halben Jahrhundert redlich bemüht, das Verständnis Goethes zu fordern, muß ich mich um so bestimmter gegen diese neue Auffassnng erklären, je leichter das Ansehen Fischers und seine selbstbewußte Darstellung irre führen können.
Der Festredner war nicht abgeneigt, in der Grundidee der Dichtung eine Verwandtschaft mit der ernsten Stimmung zu finden, in welche seine „große uud heilsame Mission" den Dichter in Weimar versetzt hatte. Mit solchen geistreichen Blicken, die sich um die thatsächliche Wahrheit wenig kümmern, wird vielfach ein leichtes, ja loses Spiel getrieben. Der Boden, in welchem unser Drama wurzelt, ist nicht so allgemeiner Art, die Dichtnng sollte der Herzogin von Weimar, die eben nach langer Erwartung das Land mit der Geburt einer Prinzessin erfreut hatte, Goethes Verehrung ihrer hehren, jeder Unreinheit unzugänglichen Weiblichkeit bezeigen, die er vertraulich so oft ausgesprochen, die ihn cmch bestimmte, in seinen Tagebuchbemerkungen, wo er die Namen der bedeutendsten Personen durch Sternzeichen andeutete, ihr das Pentagramm zuzuteilen, das im Altertum Heil uud Segen bezeichnet, in den mittlern Zeiten als Abwehr von allem Bösen galt. Hatte er in den beiden frühern Jahren den Geburtstag der Fürstin durch dramatische, mit reichem Pomp ausgestattete Spiele gefeiert, deren Inhalt eine Seelenheilnng war, so wollte er jetzt, wo die nahe Entbindung eine theatralische Feier ausschloß, der glücklich genesenen seine Huldigung in würdiger Weise zollen, indem er die alles Böse heilende Gewalt reiner Weiblichkeit in einer die Seele tief ergreifenden, den klassischen Ton anschlagenden, allen theatralischen Prunk ausschließenden Dichtung zur Anschauung brachte, uud zu diesen, Zwecke beschloß er des Euripides Drcnncitisirung der rohen Tempelsage von dem Raube des in Tauris vom Himmel gefallenen Bildes