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Der Befähigungsnachweis,
schauungen, sonder» nach den Bedürfnissen, Gewohnheiten und Launen ihres Publikums schreiben, flößen jedem ernsten Geiste die tiefste Geringschätzung ein. Ihr Lob ist so viel wert wie ihr Tadel, nämlich nichts. Wir haben Graf Schacks „Erinnerungen" in Zeitungen gepriesen gesehen, die nach ihrer ganzen Haltung und ihrem allgemeinen Verhältnisse zur Litteratur für das Buch des ernsten Künstlers und Kunstfreundes nichts haben dürften als ein geringschätziges Lächeln. Die stille Voraussetzung des Lobes solcher Organe ist, daß ihre Leser von einem umfassenden Werke, wie die „Erinnerungen und Aufzeichnungen" des Grafen Schack sind, keine andre Notiz nehmen werden als die gedruckte von zehn oder zwanzig Zeilen. Von den Lesern der Grenzboten dürfen wir hoffen, daß sie das Buch selbst zur Hand nehmen werden, welches zu einer Reihe von ernsten Betrachtungen, zur Erwägung tiefreichender ästhetischer und litterarischer Fragen Anlaß giebt, Anregungen und Eindrücke aller Art und zuletzt wie zuerst ein Gefühl der Verehrung für den greisen Dichter und Kunstfreund hinterläßt, der den vollberechtigten Idealismus andrer Tage in die unsern hcrübergetragen hat, ohne darum den Lobredner vergangner Zeiten zu machen.
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Der Befähigungsnachweis.
it 115 gegen 114 Stimmen hat sich der deutsche Reichstag am 29. Februar für den Befähigungsnachweis ausgesprochen. Wie sich der Bundesrat dem auf solche Weise zu stände gekommenen Beschlusse gegenüber verhalten wird, müssen wir abwarten. Daß es sich dabei um ein Experinient handelt, ist zweifellos, und auch wir glauben, daß die Befürworter des Antrages sich eine übertriebene Vorstellung machen von dem heilsamen Einflüsse einer Meisterprüfung, und eine zu geringe von den Schwierigkeiten, die unter den heutigen Verhältnissen sich in der praktischen Anwendung ergeben würden. Anderseits darf man diejenigen nicht tadeln, welche sich ernstlich um die Lösung einer hochwichtigen sozialen Frage bemühen. Wir können den Handwerkerstand so wenig wie den Bauernstand entbehren. Und daß der erstere in Gefahr ist, von der Großindustrie aufgesogen zu werden, verkennen auch die Paladine der Gewerbefreiheit keineswegs, nur scheinen sie darin keine Gefahr zu erblicken. Nach dein Berichte der „Kölnischen Zeitung" sagte in jener Sitzung der Abgeordnete Duvigneau aus Magdeburg: „In den meisten Fällen ist eine Fabrik nichts andres, als eine durch die Gnnst der Um-