Der Stand der bulgarischen Frage.
n seiner jüngsten großen Rede erklärte der Reichskanzler es für eine Schmach, wenn eine so wenig bedeutende Angelegenheit, wie die bulgarische, Veranlassung zu einem Kriege zwischen den Großstaaten Europas werden sollte, und Lord Salisbury äußerte kürzlich im Oberhause, daß er diese Erklärung bereitwillig unterschreibe. Gleichwohl steht diese Frage seit länger als Jahresfrist wie ein krieg- drvhender Koniet am südöstlichen Horizont des politischen Himmels, und noch sieht das Publikum, noch sieht vielleicht auch keiner von unsern Staatsmännern einen sichern Weg zu ihrer Lösung. Indes ist in der letzten Zeit wenigstens von feiten Rußlands das grollende Schweigen gebrochen worden, in das die dortige Diplomatie sich seit Monaten hinsichtlich der Sache hüllte, und der Versuch, zu einem Einvernehmen der Mächte über sie zu gelangen, ist nunmehr angeregt und trotz vieler Schwierigkeiten nicht ohne Aussicht, bei billigen und gemäßigten Ansprüchen auf Seiten der zunächst beteiligten Parteien zu einem mindestens bis auf weiteres befriedigenden Ergebnisse zu führen. Die Schwierigkeiten liegen nicht in Bulgarien, sondern hinter ihm, in dem Zielpunkte Rußlands, zu dem der Weg über Bulgarien geht. Die Hoffnung, die neu erwacht ist, hat ihren Grund darin, daß in Petersburg wieder Glauben und Vertrauen auf den guten Willen der deutschen Politik eingekehrt zu sein scheint, ein Vertrauen, welches so berechtigt ist, daß es nie eine Störung hätte erleiden sollen. Ein unbefangener Rückblick auf den Berliner Kongreß hätte genügt, um dieses Vertrauen, als es wankte, wiederherzustellen. Allerdings hatte Rußland dort wesentliche Stücke von dem Ergebnis seines schwer erkämpften und teuer bezahlten Sieges aufgeben müssen, aber es behielt davon immer noch genug, um mit dem Ausgange des Streites zufrieden und dem deutschen Vermittler desselben dankbar sein zu können. Nußland hatte den Kongreß erstrebt und mit Hilfe des Fürsten Bismarck herbeigeführt. Niemals während der Verhandlungen widersetzte er sich den russischen Anträgen, vielmehr fanden sie bei ihm ohne Ausnahme jede irgendwie mögliche Unterstützung, und in den meisten Fragen, wo Zwiespalt hinsichtlich der Wünsche seiner russischen Freunde eintrat, gelang es dem deutschen Einflüsse, ihnen Erfüllung zu verschaffen. Bis-