Litteratur.
469
seine Landsleute das geistvolle, unter den Sarkasmen den bittersten Ernst bergende Buch aufgenommen haben, für die zehnte Auflage ein neues Kapitel schreiben, wenn er den Herrn Graindorge, den Franzosen, welcher in Jena Philosophie studirt hat, in Amerika dnrch Erdöl und gesalzenes Schweinefleisch reich geworden ist und den Abend seines Lebens in Paris zubringt, nicht so früh hätte sterben lassen. Eine deutsche Uebersetzung scheint es nicht zu geben, auch würden die Leihbibliotheken kein Geschäft damit gemacht haben. Wer es heute mit unbefangener Aufmerksamkeit liest, der wird wahrscheinlich entdecken, daß es ebenso für uns, wie für unsre westlichen Nachbarn geschrieben fei. Bei dem Verfasser kommen die Deutschen im allgemeinen sehr gut, zum Teil, wie wir leider feststellen müssen, zu gut weg, wenn wir unsre Zustände vor einem Vierteljahrhundert als Maßstab gebraucheil. Seitdem hat wieder einmal der Sieger von dem Besiegten soviel angenommen, daß in erschrecklich vielen Zügen die Ähnlichkeit nicht zu verkennen ist. Es würde sehr weit führen, wenn wir das in allen Einzelheiten erhärten wollten; wer überhaupt zu lesen versteht nnd nicht an Selbstverblcndung leidet, wird, wie gesagt, ohnehin jene Bemerkung machen. Nur eine Stelle mag hier als Probe hergesetzt werden.
Im -I-Min clss ?la.ntss Pflegen die Mägde, die Soldaten, die kleinen Rentner aus der Rue Copeau sich vor dem großen Affenkäfige zu versammeln. Diese Tiere sind boshaft geworden, nnd, was schlimmer ist, krank; durch die Gefangenschaft und das unnatürliche Leben haben sie schäbiges Fell bekommen, hie nnd da sieht man zwischen dem braunen oder grauen Pelze rötliche Haut. Ihre Gesichtsverzerrungen bieten eineu erbärmlichen Anblick; sie machen unnatürliche Bewegungen, schreien und keifen, raufen sich um einen Apfel oder ein Gebäck, klettern an den Pfosten empor und begehen Unanständigkeiten vor den Zuschauern. Das Publikum hat sie durch Lachen und Necken verdorben, zum Dank dafür stellen sie ihre Mißbildungen nnd ihre Laster znr Schau. Sie sind die beliebtesten Possenreißer für dieses Pnbliknm, sie. kitzeln dessen ungesunde Triebe, nud dafür werden sie gefüttert.
Denselben Eindruck machen mir die kleinen Theater. Die Schauspieler sind verfeinerte und verzogene Affen, und der gemalte Käfig, in welchem sie allabendlich sich schminken und sich abplagen, ist für die körperliche nud geistige Gesundheit schlimmer als das Gitterhaus, iu welchem ihre Genossen, im Tiergarten ihre Sprünge machen. Wie ihre Genosse», sind sie zerlnmpt an Leib und Seele. Wie ihre Genossen, unterhalten sie das Publikum durch ihre Gebrechen, der eine durch seine Nase, der andre durch seinen verstörten Gesichtsnusdrnck, der dritte durch seiue mißtönende Stimme, noch einer durch seine unförmliche Dicke. Wie ihre Genossen, regen sie die niedrigen Triebe der Geilheit und Bosheit im Menschen auf. Wie ihre Genossen, erreichen sie eine Art tierischen Talents, zusammengesetzt aus Nachahmung und Frechheit, eine rohe und abgeschmackte Parodie, in welcher der Zuschauer nicht mehr wert ist als der Possenreißer.
Wer hat den Pharisäermut, zu behaupten, daß diese Schilderung nur jenseits des Wasgaues zutreffe?
Litteratur.
Antichristcntum in nlter und neuer Zeit. Versuch einer Darstelluuc, als ein Hilfsmittel zur Orieutiruug für alle Staude der deutschen Christenheit. Von I. Pestalozzi, Leipzig, Kommissimisvcrlag von Fr. Will). Grunvw, 1837.
Der Verfasser dieser Schrift befindet sich in prinzipiellem Gegensatze zu Herru Hofpredigcr Stöcker, desseu christlich-sozialen Bestrebungen, der ihm nahestehenden